Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über Versuchung und Schwäche
(…) Ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist. So tue ich das nicht mehr selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt (…) Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!
Aus Römer 7,14–25a
Jeder kennt es: Ich weiß, dass ein zweites Stück Kuchen ungesund ist, trotzdem esse ich es. Ich weiß, dass ich nicht so viel Zeit am Handy verplembern sollte, trotzdem geschieht es. Ich sollte mehr Sport tun, doch ich sitze weiterhin zu viel.
Das Wissen über das Gute und das Tun klaffen oft auseinander. Mal verdrängen wir es. Mal leiden wir darunter. Mal verstören wir andere damit, vor allem wenn wir öffentlich für bestimmte Grundsätze eintreten, an die wir uns selbst nicht halten.
Solange wir darunter leiden, ist es ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass wir einen moralischen Kompass besitzen. Für die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit braucht es aber eine Lösung. Martin Luther hatte sie im Predigttext entdeckt. Er fand sich persönlich darin wieder: Sein Ringen mit den strengen Vorschriften des Klosters, die bis in die Gedanken und Träume hineinregierten. Und die Qual, die er erlitt, weil er diesem Anspruch nie gerecht wurde. Dann die Erkenntnis, dass ihn Jesus Christus trotz Sünde für gerecht erklärte. Das war für Luther nicht nur eine theologische, sondern auch eine existenzielle Erlösung.
Damit stimmt Martin Luther grundsätzlich mit Paulus überein: Durch Gesetzeserfüllung und gute Taten können wir uns nicht vor Gott gerecht machen. Wir bleiben auf Jesus Christus angewiesen.
Darauf will der Bibeltext hinaus. Er spricht mich an, weil er am Ende etwas Positives über mich sagt. Das Urteil über mich wird nicht aufgrund meiner Taten und Untaten, meiner Leistungen und Fehlschläge gesprochen. Denn Jesus Christus hat bereits sein Urteil über mich gefällt: Als Christin bin ich hineingenommen in Gottes Liebe. Nichts kann mich da herausreißen. Selbst da, wo ich Sünde begangen und Fehler gemacht habe, vergibt mir Gott. Das ist mein Glaube. Und darin erlebe ich auch eine große Nähe zu anderen Christinnen und Christen. Wir sind die Gemeinschaft derer, die nicht aus dem eigenen Gut-Sein heraus leben, sondern von dem Gut-Sein Gottes. Das macht uns auch gnädiger im Umgang mit anderen. Denn am Ende leben wir Christenmenschen von der Liebe Gottes und nur von ihr.
Gisela Bornowski, Regionalbischöfin im Kirchenkreis Ansbach-Würzburg
Gebet: Guter Gott, ich danke dir, dass ich mich in Jesus Christus von dir angenommen weiß. Deine Liebe umfängt mich. Lass uns in den Gemeinden gnädig miteinander umgehen, ohne unseren moralischen Kompass zu verlieren. Und bewahre uns davor, anderen Menschen derart Böses zu tun, das hier auf Erden nicht geheilt werden kann. Amen.






























