Warum ein Historienspiel aktuell bleibt

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Hebräer 13,1–3

Es ist das Jahr 1632. Die Reichsstadt mit dem katholischen Magistrat wird von den evangelischen Schweden belagert. Aus eigener Kraft kann sich die Stadt nicht befreien. Und eine Hilfe durch kaiserliche Truppen ist nicht in Sicht. Unter den Bürgermeistern und Ratsherren entsteht eine hitzige Diskussion, in der sich zwei Positionen gegenüberstehen. 

Die einen sagen: Wir sollten sofort aufgeben. Wir sind dann zwar auf die Gnade der Sieger angewiesen, aber haben die Chance, dass sie Leib und Leben verschonen. Zudem hungert bereits unsere Bevölkerung. „Was wird aus unseren Weibern, unseren Kindern, wenn wir dem Feinde weiter widerstehen?“, fragt diese Fraktion.

Die andere Gruppe argumentiert anders: Wir sind Kaiser und Reich und der katholischen „Kirche, unserer heiligen Mutter“, verpflichtet. Eine Kapitulation wäre Verrat am „wahren, rechten Glauben“. Als katholische Ratsmitglieder würden wir dann entmachtet und durch evangelische Personen ersetzt werden. Zudem können wir auf Gnade eh nicht hoffen. Die Eroberer werden mit uns machen, was sie wollen. Deshalb ist es besser, unsere Haut so gut es geht zu verteidigen.

Am Ende entscheidet sich der Rat für Kapitulation. Ausschlaggebend wurde die Sorge um das Wohl der Menschen in der Stadt. Ein Kampf hätte nur Tod, Gefangenschaft, Raub und Vergewaltigungen mit sich gebracht. Liebe siegt vor Rechthaberei, Stolz und bloßen Machterhalt. „Brüderliche Liebe“ und der Versuch, Misshandlungen und Inhaftierungen zu verhindern, haben sich durchgesetzt. Am Ende sind die Stadt und ihre Bewohner gerettet.

Genau diese Geschichte wird an diesem und am nächsten Wochenende in Dinkelsbühl unter dem Namen „Kinderzeche“ in einem theaterstückähnlichen Festspiel anschaulich in Szene gesetzt. Der Appell an christliche Liebe, Sorge um die Menschen sowie das Vermeiden von Misshandlungen und Gefangenschaften durchzieht den 1897 verfassten Festspieltext wie ein roter Faden.

Somit ist diese Episode eine farbenfrohe Illustration des Predigttextes. Die biblischen Aufforderungen zu Liebe, Rücksicht und Gastfreundschaft sind an sich klar und verständlich. Spannend wird es bei der Umsetzung in Lebenspraxis. Das Dinkelsbühler Festspiel schildert eindrücklich, dass dabei gravierende Entscheidungen zu fällen sind. Aber es geht am Ende um das Wohl, gar um das Überleben von Menschen. Das im Blick zu haben ist wichtiger als das Festhalten an verinnerlichten Prinzipien und dem eigenen Machterhalt.

Das Festspiel schließt mit Happy End. Davor befinden sich die Ratsherren aber noch in der Ungewissheit, ob die Orientierung am Wohl der Mitmenschen wirklich das Gute hervorbringt. Solche Ungewissheiten erlebe ich oft. Da hilft mir das Gottvertrauen, das der Hebräerbrief immer wieder anmahnt: „Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat“ (Hebräer 10,23).

Dr. Gerhard Gronauer, Kirchenrat in Ansbach