Gefeierter Malerstar – unterwegs zur Tiefe

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Ausstellung in Schloss Wilhelmshöhe zeichnet Rembrandts Schlüsseljahr 1632 nach

Zwei alte Männer blicken den Betrachter an. Der eine trägt eine schwere Goldkette über dem dunklen Gewand (linkes Bild oben in der Mitter). Sein Gesicht ist von tiefen Falten durchzogen. Der andere Mann hält kraftvoll einen Schlüssel in der Hand. Auch in seinem Gesicht erzählen die Furchen von unzähligen Erfahrungen, Zweifeln und Entschlossenheit: Es ist Petrus (rechts).

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Gemälde eng verwandt: das dramatische Licht, die tiefen Furchen im Gesicht, die Konzentration auf die innere Haltung der Figur. Sie entstanden kurz nacheinander: im Jahr 1632, als Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606–1669) Amsterdam eroberte. Diese beiden Bilder gehören zu den spannendsten Werken der Rembrandt-Ausstellung im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe. Unter dem Motto „Entstehung einer Marke“ zeigt diese Schau gut die Hälfte von Rembrandts Werken aus diesem Jahr – neben Varianten und Vorzeichnungen, Kopien sowie früheren Arbeiten. So lässt sich Einblick nehmen in den Entstehungsprozess seiner Bilder.

Da lassen sich die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem „Greis“ und dem „Petrus“ gut nachvollziehen: Während erstgenanntes Bild durch die „Goldkette“ den Wohlstand des Alten betont, scheint Petrus den Schlüssel des Himmelreichs in sich ruhend zu bewahren. Das Eigentliche spielt sich jedoch in seinen Gesichtszügen ab: Die stille Würde des Apostels, die Konzentration auf Glauben sowie die Abkehr von bloßer äußerer Wirkung. Dieser Petrus wirkt nicht wie ein entrückter Glaubensheld, sondern eher wie ein Mensch, der Erfahrungen gesammelt hat und ihnen standhält. 

Dabei war der 26-jährige Rembrandt in diesem Jahr 1632 gerade von seiner Heimatstadt Leiden in die boomende Handelsmetropole Amsterdam aufgebrochen. Mehr als 100.000 Menschen lebten bereits dort. Der junge Künstler kam nicht als Unbekannter. Seine Bilder waren bereits zu dieser Zeit äußerst gefragt. Der Leidener Bürgermeister Jan Jansz Orlers berichtete, die Amsterdamer hätten so häufig Werke bei ihm bestellt, dass der Künstler nun selbst dorthin zog. Bald signierte er nur noch mit seinem Vornamen wie die Meister der italienischen Renaissance: Michelangelo, Raffael oder Tizian.

Experimente des Genies

Rembrandt malte in diesen Monaten rasend schnell. Er arbeitete nicht nur Aufträge ab, sondern suchte nach neuen Ausdrucksformen und testete die Grenzen seines Könnens aus. Eine entscheidende Rolle spielte dabei eine Bildgattung, die heute nur noch wenig bekannt ist: die Tronie. Der „Greis mit der goldenen Kette“ gehört dazu. Tronien zeigten keine identifizierbaren Personen. Anders als ein Porträt sollten sie kein erkennbares Individuum verewigen. Im Mittelpunkt stand das Gesicht mit seiner Mimik, seinen Gefühlsregungen oder Charaktereigenschaften.  

In den kleinen Formaten experimentierte auch Rembrandt mit Licht und Schatten, mit glatter und pastoser Malweise, mit den Möglichkeiten menschlicher Mimik. Die Tronie war Studienobjekt, Arbeitsprobe und Verkaufsware zugleich. Auch bei seinen frühen Selbstbildnissen nutzte der Künstler sein eigenes Gesicht als Versuchsfeld – und zeigte sein Können. Er ließ sein Antlitz aus tiefem Dunkel auftauchen oder seine Augen in den Schatten verschwinden. 

Es gehörte nun fast schon zum guten Ton für jeden, der es sich leisten konnte, in ein Porträt zu investieren. Für Rembrandt eröffnete sich ein riesiger Markt, den er bemerkenswert flexibel bediente. In manchen Bildnissen glänzen schier die Stoffe, Spitzen erscheinen fast fühlbar. Andere Bilder zeigten einen freieren Pinselstrich. Die Farbe bekommt ein Eigenleben, die Oberfläche atmet.

In und um die Werkstatt Uylenburgh, wo auch Rembrandt seine neue Heimat gefunden hatte, entstand ein Netzwerk von Mitarbeitern, Kopisten und Malern. Motive wurden wiederholt und erfolgreiche Bildideen variiert. Nicht jedes Werk stammte völlig aus der Hand des Meisters. Beim „Greis“ gab es lange Streit über die Zuschreibung. Vieles spricht heute dafür, dass das Bild tatsächlich von Rembrandt stammt. Es wirkt fast wie eine Vorstudie zu dem „Petrus“. Dort modelliert das Licht keine Heldenfigur, sondern einen Menschen zwischen Glauben und Zweifel, Tatkraft und Zögern. 

Doch bieten auch weitere Werke aus dem Jahr 1632 spannende Einblicke in die Entwicklung Rembrandts: Gerade im Vergleich zum Petrus wird sichtbar, wie unterschiedlich der Künstler arbeitete. 

So erscheint die „Entführung der Europa“ (linkes Bild mittig), viel theatralischer. Die mythologische Szene zeigte Zeus, der als Stier die Königstochter entführte. Rembrandt entlehnte Motive aus früheren Werken und bediente sich desselben Modells für die Hauptperson. Er verwendete bei der „Europa“ billigere Farben. Noch wichtiger ist: Die Verzweiflung der Begleiterinnen wirkt gestisch übersteigert, die Szene wenig in sich geschlossen: Eine schlichtere Variante für den freien Verkauf.

Der Höhepunkt des Jahres stand jedoch noch bevor: Mit der „Anatomie des Dr. Tulp“ gelang Rembrandt eines der berühmtesten Gruppenporträts der Kunstgeschichte: Der Künstler verwandelt die Vorführung zu einem dramatischen Ereignis: Die Männer reagieren unterschiedlich. Blicke kreuzen sich. Licht lenkt die Aufmerksamkeit. Wissenschaft wird inszeniert.

Im Schlüsseljahr 1632 zeigen der „Greis“ und „Petrus“ die Entwicklung des Künstlers anhand eines ähnlichen Motivs: Der eine blickt zurück auf den frühen Erfolg. Der andere scheint bereits in die Zukunft zu schauen. Er erscheint wie ein früher Vorbote jener religiösen Verinnerlichung, die Rembrandts Alterswerke prägen sollte: Darin formte er Figuren von äußerster Geschlossenheit. Noch aber war der Künstler nicht durch persönliche Verluste und Krisen gereift. Gerade deshalb überrascht es, wie viel von dem späteren Rembrandt bereits in diesem Petrus sichtbar wird.

So zeigt die Kasseler Ausstellung nicht nur den jungen Erfolgsstar Rembrandt. Sie zeigt ein Jahr, in dem bereits vieles keimte, was sein späteres Werk prägen sollte. Susanne Borée

Ausstellung bis zum 9. August im Schloss Wilhelmshöhe, Kassel. Mehr: https://www.heritage-kassel.de. Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, freitags bis 19 Uhr. Die Schau wandert vom 5. September bis 6. Dezember ins Herzogliche Museum Gotha.