
Was alte Kirchengemäuer zu erzählen haben
Vielleicht bräuchten die sogenannten verfassten Kirchen ja das: Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger, die einen unverstellten Blick haben; die unbefangen sich einer jahrtausendealten Symbolik nähern; mit anderen Worten erklären können, als dies das himmlische Fachpersonal kann.
Holger Müller-Brandes ist so ein bunter Hund; und er selbst wäre darüber sicher nicht beleidigt. Der Mann beherrscht als Pfarrerssohn zwar den Jargon der Kirche, als gelernter Opernregisseur und Finanzanalyst im Kulturbereich hütet er sich allerdings davor ihn anzuwenden. Bei der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und schlesische Oberlausitz (EKBO) steht er für das Programm „erwachsen glauben“, womit hoffentlich unterbrochene Glaubenswege weitergeführt und verschüttete Schätze wiederentdeckt werden könnten. Das geschieht gerade in der Uckermark, einer Gegend mit der wohl höchsten Dorfkirchendichte in deutschen Landen. Ihre Türme lugen aus Bauminseln zwischen den riesigen Getreide- und Rapsfeldern hervor, die mitunter bis zum Horizont reichen.
Der größte Teil dieser oft aus eiszeitlichen Geröllsteinen erbauten Gotteshäuser ist im Mittelalter entstanden. Hinter den oft unscheinbaren Feldsteinmauern verbirgt sich jedoch eine ungeahnte Vielfalt von Kunstschätzen und Glaubenszeugnissen, die es zu entdecken oder besser gesagt: wiederzuentdecken gilt.
Für eine Reisegruppe des Evangelischen Bildungszentrums Bad Alexandersbad (EBZ) öffnete und erklärte Holger Müller-Brandes Kirchenräume, in denen kunstvoll geschnitzte Taufengel von der Decke schweben, Altarbilder und die Glaubensgeschichte von Generationen sichtbar wird. Schließlich waren die Kirchen ja über Jahrhunderte hinweg der Mittelpunkt des Dorfes und in Notzeiten auch Schutzraum ihres Lebens.
Natürlich stellt sich dabei heute die Frage nach den Erhaltungskosten in einer Zeit, in der die Mitgliederzahlen weiter schrumpfen und die Gelder nicht mehr im gewohnten Maß fließen. Da war etwa die marode Orgel in der Ortschaft Nieden, die noch immer mit dem Handblasebalg beatmet wird. Manchen Pfeifen entlockte der mitreisende Bayreuther Kantor und Komponist Michael Lippert gerade noch ein Röcheln. Oder der vernagelte Glockenturm von Badelow; oder die verblassenden Emporenmalereien in Dedelow – nur um ein paar Namen zu nennen.
Oft stehen die Gemeinden ratlos da, mitunter aber sorgen sich sogar Privatleute, die nichts mit der Kirche am Hut haben um die Kirche vor Ort, um das gefährdete Kulturgut. In Greifswald verspürte man sogar verhaltenen Optimismus. Im Rahmen der Bachwoche war der Dom dort (bei freiem Eintritt) gut gefüllt. Die Kirche habe Grundbesitz, der gut verpachtet sei, erklärte die Dompfarrerin auf Nachfrage. Aus ihren Worten wurde deutlich, wie wichtige künftig Eigenengagement der Gemeinden und ökonomischer Sachverstand sein werden.
Darüber wird man sich übrigens auch auf einer Alexandersbader Tagung vom 11. bis 12 September Gedanken machen, wenn es um das Thema „Die Zukunft der Kirchengebäude in Franken“ gehen wird, wo es natürlich auch epochenspiegelnde Kostbarkeiten und traditionsträchtige Sakralbauten gibt. Auf dieser Tagung werden Denkmalpflege, Kommunalpolitik und Kirchenleute nach Perspektiven für ihren Erhalt suchen. Fragen der baulichen Bestandssicherung werden ebenso beleuchtet wie die Funktion der Kirchengebäude für die Identität eines Gemeinwesens; auch die Verantwortung von Staat und Gesellschaft für Kirchenbauten als kunsthistorisch bedeutsame öffentliche Räume muss zur Sprache kommen. Zudem geht es um kreative Möglichkeiten, die Kirchen neu ins Bewusstsein von Gemeinde und Besucherinnen zu rücken.
Mit dabei sein wird übrigens auch Holger Müller-Brandes, von dem sich eine ganze Mange lernen lässt, wie man den Besuch eines Gotteshauses und seinen spirituellen Wert auch Kirchenfernen schmackhaft machen kann.
Mehr Infos: https://www.ebz-alexandersbad.de


























