Im Feuer der Sprache

20
Ingeborg Bachmann, wahrscheinlich in den 1960er-Jahren. Foto: epd/F
Ingeborg Bachmann. Foto: epd/F

Lebenslinien zum 100. Geburtstag: Ingeborg Bachmanns Ringen um Wahrheit und Erlösung

Sie wartete im Garten auf den nächsten Bombenhagel, nicht in den Kellern. Als Abiturientin will Ingeborg Bachmann in einem Sessel unter der ersten Märzensonne und versunken in Rilkes „Stundenbuch“ den Luftalarm ausgeblendet haben. 

Dieses Jugendbild beschwört die Dichterin in ihrem „Kriegstagebuch“ herauf. Allein bereitete sich die 18-Jährige auf ihre Reifeprüfung vor – der Vater an der Front, die Mutter mit den jüngeren Geschwistern aufs Land geflüchtet. Nur sie blieb, um die Matura, das Abitur abzulegen: „Auch hier schaut es aus wie Weltuntergang. Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?“

Tanz auf vielen Vulkanen

Welch eine Szene – fast zu stark, um wahr zu sein! Zumal ja niemand dabei war. In Kärnten erblickte Ingeborg Bachmann vor hundert Jahren, am 25. Juni 1926, das Licht der Welt. „Die Angaben zur Person sind immer das, was mit der Person am wenigsten zu tun hat“, urteilte sie. Daher eine Annäherung an die Feuer ihrer Sprache, deren Grenzen sie auslotete.

Besonders belastend war die politische Vergangenheit der Familie: Ihr Vater Matthias Bachmann gehörte bereits 1932 der damals noch verbotenen österreichischen NSDAP an. Wenig überraschend, dass die Tochter später schrieb: „Die Atmosphäre zu Hause ist tödlich.“

Umso überraschender, welch eine enge Beziehung Ingeborg gerade zu ihrem Vater hatte. Er nahm eine Hypothek aufs Haus auf, das den Bombenhagel überlebt haben muss, damit „meine Große und Gescheite“ ihr Studium beginnen konnte. Sie berichtete detaillierter als viele Studentinnen nach Hause – auch über ihr Liebesleben. Etwa über ihre Beziehung zu dem jüdischen Dichter Paul Celan ab 1948. 

Nach kurzen lodernden Wochen der Euphorie arbeiteten sich beide über Jahre aneinander ab. „Und was mit uns erfroren, / das glüht umher und sieht“, so heißt es in Celans Gedicht „Eis, Eden“.  Bachmann sah in dem Gedicht „Erklär mir, Liebe“ hingegen „den Salamander / durch jedes Feuer gehen. / … und es schmerzt ihn nichts“. Glaubhaft? Prosaischer schrieb sie von den „unendlichen Schmerzen, die zwei Menschen einander zufügen. Die Liebe, in der es keine Vergebung gibt, sondern Opfer über das Ende hinaus. Und es sind immer wieder dieselben Opfer, die gebracht werden müssen, als hätte man nur eine ganz bestimmte Funktion.“

Dieses verzehrende Ringen stellt das Filmporträt „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ von Regina Schilling mit Sandra Hüller in der Hauptrolle eindrücklich dar. Es läuft zu ihrem Jubiläum in den Kinos an: als Kaleidoskop zu Bachmanns Leben und Werk: Besonders intensiv seine dokumentarische Seite. 

Ebenfalls zum Jubiläum ist etwa eine Biographie über sie unter dem Titel „Dieses unruhige Ich“ von Dieter Burdorf im Beck-Verlag (764 Seiten, 38 Euro) erschienen. Sie spürt der Dichterin in ihren umfangreichen Briefwechseln nach. „Sie hat viele Leben gelebt … teilweise auch nebeneinander“, so die zentrale Einsicht. Jedem Adressaten zeige sie ganz andere Seiten ihrer Person – bis hin zum fast unauflösbaren Spiel mit Rollen. Daraus formt sich keine Persönlichkeit mit zunehmend klarer werdendem Profil, sondern ihr „Ich“ zerfließt dahinter: sicher ein fruchtbarer Ansatz, doch in den vielen Verästelungen fordernd.

In dem Filmporträt warnte ein enger Freund Celan nicht nur aus politischen Gründen vor Ingeborg Bachmann, sondern „da sie sehr unfraulich ist und nur nach ihrer eigenen Wirrnis leben kann“. 

Sie wollte selbst Fuß fassen in der Welt der Dichter und Denker – gerade als die Männer wieder ihre angestammten Rollen einnahmen. Dies auch unter progressiven Literaten wie der „Gruppe 47“. Trotz des eigenen Anspruchs blickten sie bereits zu wenig von ihren Klischees auf. Celan war gerade bei ihnen durchgefallen.

Ihren großen Auftritt dort im Jahr 1953 vernuschelte Ingeborg Bachmann schier vor Aufregung. Auch eine ihrer Rollen? Ein „freundlicher Herr“ las erneut für sie – und sie gewann: der Preis bedeutete einen entscheidenden Durchbruch. Bald konnte sie vom Schreiben leben. Es käme über sie wie ein „Brausen“: Worte beginnen in ihrem Kopf „ein Leuchten. Einige Silben flimmern schon auf. Und aus allen Satzschachteln fliegen bunte Kommas und die Punkte, die einmal schwarz waren, schweben aufgeblasen zu Luftballons an meine Hirndecke“, so in ihrem Filmporträt.

Doch versengende Bilder dominieren: Besonders verdichtet sind sie in Versen von 1954: „Es ist Feuer unter der Erde / und flüssiger Stein. // Es ist ein Strom unter der Erde, / der strömt in uns ein.“ Italien, Land des Vesuvs, wurde ihre neue Heimat.

Sie lebte in Neapel und teils in Rom mit dem Komponisten Hans Werner Henze zusammen: Er vertonte ihre Verse – sie schrieb Texte für seine Musik. Darin fand sie neue Bilder: „Auch bei Tänzern glauben sie jemanden schweben zu sehen und merken nichts von der Muskelarbeit, … Und ich war ganz furchtbar erschrocken und mir über den Preis klar, den jemand für das Zaubern und Bezaubern zahlen muss.“ Etwas trennte sie: Er liebte keine Frauen. 

Für viele überraschend wechselte Bachmann 1961 von der Lyrik zur Prosa – für sie selbst ein Schritt vom Monolog zum Dialog. Damit durchkreuzte sie viele Erwartungen ihres Publikums. Doch auch ihre Prosa lebt weniger von Handlung und Spannung als von der Kraft ihrer Sprachbilder.

Wie sehr bestimmte sie noch ihr eigenes Bild? Diese Frage stellt sich auch mit Blick auf ihre Beziehung zu Max Frisch. Ausgerechnet gegenüber dem Mann, der 1961 im Drama „Andorra“ die zerstörerische Macht festgelegter Bilder von anderen Menschen darstellte. Zeitgleich schrieb sie: „Immer hatte sie diese Sprache verabscheut, jeden Stempel, der ihr aufgedrückt wurde und den sie jemandem aufdrücken musste. Den Mordversuch an der Wirklichkeit.“ Er litt wohl sehr an der Beziehung, sie nach vier Jahren an der lauten, harten Trennung.

Apokalypse im Alltag

Bachmann brach zusammen: Klinik­aufenthalte, ein Suizidversuch. Und sie litt an Myomen: Schmerzen nicht nur bei Geburten, sondern bei nicht wenigen Frauen periodisch. Damals gab es nur die radikale Lösung: So ließ sie sich die Gebärmutter entfernen. Mit dem Hormonabsturz danach blieb sie allein. Nur Tabletten und Alkohol trösteten sie. „Mit dem tiefen Wohlgefühl, nur noch eine Maske zu sein. Ich fühle mich sehr stark und inwendig ganz hohl und gedankenlos und frei“, schrieb sie. Nur kurz war ihr Weg zur Apokalypse.

Sie umkreiste nun schier endlos, fast zwanghaft weibliche „Todesarten“. Ihre wurde besonders dramatisch: Mit schweren Verbrennungen kam sie in der Nacht auf den 26. September 1973 ins Krankenhaus: Ihr Nachthemd, das sie trug, hatte wohl durch eine Zigarette Feuer gefangen. 

Am 17. Oktober starb die 47-jährige an ihren Verletzungen und auch wohl am kalten Entzug ihrer Rauschmittel in der Klinik – nur wenige Monate nach ihrem Vater. „Es kommt ein großes Feuer, / es kommt ein Strom über die Erde. / Wir werden Zeugen sein.“ Nein, der verzehrende Funke hatte sie erreicht, „der sengt das Gebein“.