Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Frage nach der Verantwortung
Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Johannes 9,1–7
Ein Verkehrsunfall ist passiert. Schnell stellt sich die Frage: Wer ist schuld? Ein Kind benimmt sich in der Schule total daneben. Sofort steht die Frage im Raum: Was haben die Eltern bei der Erziehung falsch gemacht? Es passt etwas nicht beim Neubau. Wer hat gepfuscht? Ein Mann lässt seine Frau sitzen wegen einer anderen. Schnell wird gemunkelt: Was hat sie wohl gemacht, dass er nicht mehr bei ihr sein wollte?
Da passiert ein politisches Missgeschick. Ein Sündenbock wird gesucht. Politische Gegner und Medien entfachen eine Kampagne. Erst wenn der Betroffene zurücktritt geben sie Ruhe. Im Alltag wird oft fieberhaft nach Schuld und einem Schuldigen gesucht. Oft fragen auch Menschen, wenn ihnen Schlimmes widerfährt: Was hab ich verbrochen, dass es mir so oder so geht? Warum passiert es mir? Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Schuld und Ergehen ist nicht neu.
Schriftgelehrte stellten sie. Auch die Freunde von Jesus stellen sie im Blick auf den Blindgeborenen. Ist er oder sind die Eltern schuld an seinem Schicksal, fragen sie. Jesus räumt mit diesem verhängnisvollen Denken auf. Er sagt: Weder dieser noch seine Eltern haben gesündigt. Seine Erkrankung ist keine Strafe Gottes.
Er leidet, damit an ihm deutlich wird, was Gott zu tun vermag. Damit bringt Jesus Licht in das Dunkel der quälenden Warum-Frage. Jesus fragt: Wozu ist das so? An diesem scheinbar hoffnungslosen Fall sollen die Werke Gottes offenbar werden. Jesus holt den Kranken aus dem Dunkel seiner Hoffnungslosigkeit. Er nimmt ihn in Schutz vor den Vorstellungen und Verurteilungen. Er fordert dazu auf, mit Gott zu rechnen.
Er hat mit einem Menschen etwas vor – trotz Krankheit, Behinderung oder einer aussichtslosen Situation. Auch in der Tiefe ist Gottes Kraft und Herrlichkeit erfahrbar. Wo Jesus ist, muss das Dunkel weichen. Die Heilung des Blindgeborenen ist Hinweis auf Jesus, das Licht der Welt. Nicht immer ändert sich eine Situation so radikal. Aber wer den Worten von Jesus vertraut, kann das Licht sehen und ewiges Leben finden.
Michael Wehrwein, Dekan i. R., Lohr a. Main
Gebet: Jesus, du Licht der Welt. Komme ins Dunkel meines Lebens und erhelle es durch Deine Gegenwart. Dir sei Dank und Anbetung. Amen.
Lied 72: O Jesu Christe, wahres Licht



























