Wenn der Sommer keine Pause macht

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Gemeinsam in Bewegung: Beim „Tanzen im Park“ bringt Andrea McWright die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Musik, bunten Tüchern und Sitztanz in Schwung. Foto: Wollschläger
Gemeinsam in Bewegung: Beim „Tanzen im Park“ bringt Andrea McWright die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Musik, bunten Tüchern und Sitztanz in Schwung. Foto: Wollschläger

Gemeinsam durch die Sommerpause – ein Ferienprogramm für Senioren

Würzburg. Der August ist für viele die schönste Zeit des Jahres: Endlich Urlaub oder Ferien. Für manche Seniorinnen und Senioren kann er aber auch die einsamste sein. Viele Gruppen machen Sommerpause, vertraute Treffen fallen aus und viele Menschen viele sind verreist.

Auch die Seniorenbegegnungsstätte des Evangelisch-Lutherischen Dekanats ist traditionell im August geschlossen. Ich leite diese Begegnungsstätte – und kenne deshalb auch die andere Seite der Sommerpause. Denn nur noch die wenigsten fahren in den Urlaub. Und immer wieder erzählen mir Seniorinnen und Senioren, dass dies für sie oft der ruhigste Monat des Jahres ist. Was sonst den Alltag strukturiert und Freude bringt, macht Pause – und genau das fehlt. Die Stadt leert sich – und mit ihr dann oft auch der Terminkalender.

Also habe ich mir gedacht: „Na gut. Dann machen wir eben Ferienprogramm“. Kein großes Spektakel, sondern ein paar kleine Unternehmungen für Menschen, die zuhause sind. In der vergangenen Woche waren wir zu Besuch in der Wärmestube der Christophorus-Gesellschaft. Eine Stadtführung wird noch folgen. Und an einem heißen Mittwoch hieß es: „Tanzen im Park“.

Die Hitze stellte uns allerdings vor eine Frage: Können wir den Nachmittag überhaupt stattfinden lassen? Vielerorts werden Veranstaltungen in diesen Tagen abgesagt oder gar nicht erst geplant. Gleichzeitig wissen wir, wie wichtig gerade für ältere Menschen Gelegenheiten sind, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Deshalb habe ich mich entschieden, das Angebot stattfinden zu lassen – mit genügend Trinkpausen und einem schattigen Platz im Ringpark.

Hohe alte Bäume spenden dort Schatten, dazwischen geht ein schönes Lüftchen. Es ist warm, aber hier lässt es sich gut aushalten.

Getanzt wird heute im Sitzen – auf einer Parkbank. Andrea McWright hat Musik mitgebracht, Rasseln und bunte Tücher. Sie leitet Erlebnistanzgruppen und weiß, wie viel Bewegung auch dann möglich ist, wenn große Tanzschritte nicht mehr für jeden infrage kommen. Gerade für ältere Menschen lässt sich vieles so verändern, dass alle mitmachen können.

Wir legen los: Arme gehen nach oben, Hände zur Seite, Füße bewegen sich im Takt. Mal kommen die Tücher zum Einsatz, mal die Rasseln. Und dann sind da die „Capri-Fischer“. Ein Lied, bei dem offenbar niemand nur still dasitzen kann. Wir singen und machen dazu die großen Bewegungen, die zu diesem Schlager einfach gehören.

Das Ganze sieht leicht aus. Ganz so einfach ist es allerdings doch nicht. Denn auch beim Sitztanz muss man aufpassen. Welche Bewegung kommt jetzt? Rechts oder links? Wann geht der Arm nach oben? Was machen die Füße? Andrea McWright zeigt die Bewegungsfolgen zunächst und spricht sie mit uns durch. Erst wenn sie einigermaßen sitzen, kommt die Musik dazu. Denn, sagt sie sehr treffend: „Die Musik macht keine Pause.“

Und plötzlich merken wir, was bei so einem vermeintlich kleinen Tanz alles gleichzeitig passiert. Hören, schauen, erinnern, koordinieren, reagieren und sich bewegen. Wer kurz nicht aufgepasst hat, findet sich eben wieder hinein. Perfektion ist hier ohnehin nicht gefragt. Es geht um etwas anderes: mitmachen, lachen, sich bewegen und gemeinsam Musik erleben. „Morgen habe ich wahrscheinlich Muskelkater!“, lacht eine Teilnehmerin.

Nach einigen Tänzen machen wir ein kleines Päuschen. Wasser trinken. Unbedingt. Und ein bisschen ratschen. Vielleicht gehört gerade das genauso zu diesem Nachmittag wie Tücher, Rasseln und Musik.

Einer erzählt, dass er gerade seinen 90. Geburtstag gefeiert hat. Gäste waren da, sogar der Posaunenchor kam vorbei. Eine andere schaut auf die trockenen, gelben Wiesen im Park und erzählt, dass sie dieser Anblick an frühere Reisen in Wüstenlandschaften erinnert, die viel trockener waren als unsere fränkischen Sommer.

So wandert das Gespräch für ein paar Minuten vom Ringpark hinaus in die Welt und wieder zurück.

Dann geht die Musik wieder an.

Genau diese Mischung gefällt mir an diesem Nachmittag besonders. Niemand muss ein Programm absolvieren. Wir tanzen. Wir trinken. Wir erzählen. Dann tanzen wir wieder. Und aus Menschen, die mit ihren ganz unterschiedlichen Geschichten auf einigen Parkbänken Platz genommen haben, wird für eine Weile eine kleine Gemeinschaft.

Andrea McWright kennt das aus ihren Tanzgruppen. Dort tanzen keineswegs nur Hochbetagte. Manche Teilnehmerinnen sind Ende 40 oder 50, andere 80 oder 85 Jahre alt. Sie selbst spricht deshalb lieber vom „Erlebnistanz“ als vom „Senioren­tanz“. Denn wer 80 Jahre oder älter ist, fühlt sich deswegen noch lange nicht alt.

Was sie an ihren älteren Tänzerinnen und Tänzern besonders schätzt, ist ihre Lebendigkeit. Viele arbeiten noch im Garten, engagieren sich ehrenamtlich, interessieren sich für andere und kommen gerne zusammen. Und selbst wenn mit zunehmendem Alter ein Schritt nicht mehr so schnell gelingt oder eine Bewegungsfolge nicht sofort im Gedächtnis bleibt, soll das kein Grund sein, nicht mehr dabei zu sein.

Ein Tanznachmittag ist eben nicht nur Bewegung. Natürlich werden Körper und Kopf gefordert. Aber da ist noch etwas anderes. Man macht sich auf den Weg. Man trifft Menschen. Man gehört irgendwo dazu.

Während ringsum vieles Pause macht und gefühlt die halbe Welt verreist ist, bleiben Menschen zurück, für die Urlaubszeit ohne ihre gewohnten Treffen ziemlich lang werden kann. Teilhabe entsteht nicht von allein. Sie braucht Orte, Gelegenheiten und Menschen, die Begegnungen möglich machen – auch dann, wenn die Bedingungen nicht ideal sind. Denn in diesem Sommer zeigt sich noch eine weitere Herausforderung besonders deutlich: die Hitze. Gerade für ältere Menschen können anhaltend hohe Temperaturen den Alltag einschränken. Wege werden beschwerlicher, Unternehmungen anstrengender und manche Begegnung wird lieber abgesagt. Viele Einrichtungen, Gemeinden und Initiativen entwickeln dafür eigene Ideen und Angebote, um auch durch die ruhigeren Sommerwochen zu tragen. 

Manchmal reichen ein paar schattige Bänke im Ringpark und Musik. Nach diesem Nachmittag weiß ich jedenfalls: Die „Capri-Fischer“ funktionieren prima – auch ohne Meer.