Gemeinsame Wurzeln – trotz aller Konflikte

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zum Israelsonntag

Brüder und Schwestern, ich will euch über folgendes Geheimnis nicht in Unkenntnis lassen. Denn ihr sollt euch nicht selbst einen Reim auf die Sache machen: Tatsächlich hat Gott dafür gesorgt, dass sich ein Teil von Israel vor ihm verschließt. Das soll aber nur so lange dauern, bis alle Völker sich ihm zugewandt haben. Und auf diese Weise wird schließlich ganz Israel gerettet werden. In der Heiligen Schrift heißt es ja auch: „Vom Zion her wird der Retter kommen und alle Gottlosigkeit von Jakob nehmen. Das ist der Bund, den ich, der Herr, mit ihnen geschlossen habe. Er wird erfüllt, wenn ich ihre Sünden von ihnen nehme.“

Römer 11,25–29 (BasisBibel-Übersetzung 2021)

Schon als Kind fühlte sich Michael von seiner Familie bevormundet. Seine Eltern wollten das Beste für ihn, ließen ihm aber kaum Spielraum, sich zu entfalten. Er hatte andere Vorstellungen vom Leben als sie. An Weihnachten kam es zum großen Bruch. Michael verließ die Familie. Seine Eltern schmerzte das sehr. 

An einen tiefgehenden Familienstreit fühle ich mich erinnert, wenn ich sehe, wie Paulus um den Zusammenhalt der Christengemeinde von Rom ringt. Paulus war es gelungen, die Botschaft von der Rettung durch Kreuz und Auferstehung Jesu Christi verständlich zu machen. Auch jenen, die vorher nicht an den einzigen Gott Israels geglaubt hatten, sondern an Götter wie Jupiter oder Venus. 

Doch dann kam es gewissermaßen zum Familienstreit, denn Paulus’ jüdische Geschwister hielten Jesus von Nazareth für einen Lehrer, aber nicht für den Sohn Gottes. Paulus schmerzte die Ablehnung durch seine jüdischen Geschwister. 

Aber könnte hinter der Ablehnung nicht auch ein tieferer Sinn verborgen sein? Gott übt mit allen Beteiligten Geduld und Erbarmen: Erst müssen, so Paulus, die Weltvölker vollzählig zu Gott gelangen, bevor die Rettung sichtbar zutage tritt. Paulus ermahnt seine heidenchristlichen Geschwister zu Geduld: Die jüdischen Geschwister des Paulus sind und bleiben die geliebten Kinder Gottes trotz ihrer Ablehnung von Jesus! Ganz häufig haben sich jedoch Christen und Christinnen überheblich gegenüber Juden und Jüdinnen verhalten und haben sie verfolgt und ermordet. Wir wissen auch vom wieder auflodernden Antisemitismus in unserer Zeit. 

Wichtig ist, das Verbindende zwischen Juden und Christen wahrzunehmen: Der Gott Israels ist auch der Gott Jesu Christi. Die Psalmen, Lieder und Gebete der Bibel sind ein großes gemeinsames Gut, auch wenn sie unterschiedlich verstanden werden. Das Christentum wäre ohne seine jüdischen Eigenschaften ein Armutszeugnis. Juden und Christen – beide leben wir aus dem Erbarmen Gottes. Und beide sollen wir Verantwortung für die Welt übernehmen: Christen, indem sie Jesus nachfolgen, Juden, indem sie die Welt nach Kräften verbessern. Bis Gott die Welt vollendet und Erlösung, Frieden und Gerechtigkeit anbrechen. 

Pfarrer Dr. Oliver Gußmann, u. a. Theologischer Referent bei „Begegnung Christen und Juden. Bayern e.V.“

Gebet: Barmherziger Gott, Du hast Dein jüdisches Volk erwählt und stehst treu zu ihm. Du hast Deinen Sohn Jesus Christus zu uns gesandt, damit auch wir Dich erkennen. Lass uns gemeinsam nach Deinem Willen für uns persönlich und für die Welt fragen. Amen.

Lied 412: So jemand spricht: Ich liebe Gott und hasst doch seine Brüder.