Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Chefredakteurin Susanne Borée
Der beschwingte Song zum Schluss lädt zum Mitklatschen ein. Auch die Missgeschicke der „Flüchtigen Bekannten“ in einer Heilanstalt der 1970er Jahre – aufgeführt auf der Bühne des Freilandtheaters Bad Windsheim – erheitern.
Wie komisch, die Menschen, die sich ihre eigene Wirklichkeit erschaffen haben! Doch plötzlich bleibt das Lachen im Hals stecken. Denn die vermeintlich Verrückten wirken wieder erstaunlich menschlich. Sie sehnen sich nach Anerkennung, nach Freiheit, nach einem Platz, an dem sie angenommen werden.
Dagegen erscheint ihr Irrenarzt als gebildet, erfolgreich, angesehen. Aber ausgerechnet er beginnt, Grenzen zu überschreiten. Er belügt andere, nutzt seine Macht aus und redet sich ein, alles geschehe zum Guten: Wer ist hier verrückt?
Vielleicht ist das die falsche Frage. Das Stück erzählt eher von Menschen: die Hoffnungen haben, Fehler machen, sich etwas vormachen und trotzdem versuchen, das Richtige zu tun. Nicht jede Narretei macht jemanden unmenschlich. Mancher, der in seiner eigenen Welt lebt, begegnet seinem Gegenüber mit mehr Ehrlichkeit und Mitgefühl als andere. Das ist unbequem. Denn damit zerbricht eine einfache Einteilung, die schnell Übersicht schafft.
Das gilt nicht nur für die Bühne. Auch im Alltag scheinen wir uns immer schwerer damit zu tun, Widersprüche auszuhalten: Wer anders denkt, wird schnell abgestempelt. Wer laut genug auftritt, gilt dagegen schnell als glaubwürdig. Und nicht selten wird das eigene Weltbild wichtiger als die Wirklichkeit.
Der Schlussapplaus ist verklungen. Auch die Saison des Freilandtheaters ging nun zu Ende. Die Impulse des Stückes gehen weiter: Etwa darüber, ob wir bereit sind, die eigene Sicht auf die Welt immer wieder zu überprüfen. Bin ich selbst bereit, meine Sichtweise immer wieder zu hinterfragen?
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir weniger schnell urteilen würden und dem anderen mit ehrlichem Interesse begegnen. Auf ein Gegenüber nicht so lange einreden, bis es schweigt. Und wir uns einbilden, den anderen überzeugt zu haben.
Unser Zusammenleben entscheidet sich nicht daran, wer am lautesten recht behält, sondern wie wir miteinander umgehen. Gefährlich wird es dort, wo Menschen aufhören, sich selbst und ihre Brüche infrage zu stellen. Da kann das Stück des Freilandtheaters auch nach Saisonende weiterwirken.



























