Der Atem, der uns lebendig macht

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Auslegung im Evangelischen Sonntagsblatt zur Geschichte von der Belebung des Menschen

Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

Aus 1. Mose 2,4b–9+15 (7+15)

Ein intimeres Bild für Nähe ist kaum mehr möglich: Gott haucht dem Menschen Leben ein – nicht durch einen Fingerzeig, nicht durch ein Machtwort aus der Ferne, sondern durch seinen Atemhauch. Dies Geschehen erscheint als Beatmung – direkt Mund an Nase. 

Viele Details in dieser Schöpfungsgeschichte wären nachdenkenswert. Doch an dieser Stelle soll der belebende Atemhauch im Zentrum stehen. Was bedeutet er uns?

Bei der Suche nach einer Illustration zu diesen Versen fällt schnell auf: Die meisten Kunstwerke scheuen diese unmittelbare Körperlichkeit. Selbst das unvergessliche Bild Michelangelos, in dem Gott den Menschen durch eine bloße Berührung mit seinem Finger erweckt, entspricht nicht dieser Bibelstelle: Der intime Augenblick ist entschärft. Manche mittelalterlichen Mosaike kommen ihm näher: Sie zeigen den Lebensatem als sichtbaren Luftstrom, der von Gott zum Menschen fließt (oben). Doch wird auch da Distanz eingehalten.

Dabei hat sich Gott schon zuvor die Finger schmutzig gemacht: Er hat tief in den Staub hinein gegriffen und daraus den Menschen geformt – wie ein Töpfer. Dazu nahm er keinen satten Lehmboden, sondern dürren Staub, den jeder Wind verwehen kann und den jede Kreatur mit den Füßen tritt. Als Erde bildet er das Fundament für alle Landbewohner. Wir bleiben erdgebunden, doch der Atem Gottes öffnet uns auf den Himmel hin.

In den altorientalischen Kulturen war ein solcher Lebenshauch Königen vorbehalten. So wird etwa vom ägyptischen Pharao Sesostris I. erzählt, der vom Gott Ptah geküsst worden sei. In der Bibel schenkt Gott jedem Menschen solche Lebenskraft: Jeder Säugling. Jede alte Frau. Jeder erschöpfte Mensch. Jeder Atemzug erzählt diese Geschichte.

Und sie erinnert daran, dass Leben ein Geschenk Gottes ist. Dass Gott uns näher ist, als wir oft ahnen. Solange wir atmen, lebt in uns diese erste, liebevolle Nähe Gottes. Atmen geschieht unbewusst wie der Herzschlag oder die Verdauung. Es kann aber auch bewusst erfahren werden. Wer einen Moment lang intensiv dem Atem nachspürt und so innehält, kommt bei sich selbst an. 

Während die gesamte andere Schöpfung sich selbst genug ist, bekommt der Mensch sofort eine Aufgabe: Er soll den von Gott gepflanzten Garten, in dem er hinein gesetzt wurde, bebauen und bewahren. 

Dies jedoch ohne Hektik, ohne Stress, ohne gleich unsere Blicke begehrlich darauf zu richten, was uns versagt ist. Gottes Atemgeschenk geschieht zuerst: Es ist nicht daran gebunden, was und wieviel wir leisten. Nachdem die ersten Menschen gleich darauf versagen, bleibt ihnen dennoch die Lebenskraft des Atems. Dies ermutigt uns: Du bist wertvoll, geliebt – ganz gleich, ob Du Deinen Lebensaufgaben genügst. 

Susanne Borée, Chefredakteurin des Sonntagsblattes & Religionspädagogin