Weite der Schrift bietet neuen Überblick

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Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus
Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Raimund Kirch über die Wahl in Sachsen-Anhalt

Wie gebannt und mit gemischten Gefühlen schauen nicht nur politische Beobachter auf die Wahl in Sachsen-Anhalt an diesem Sonntag. Dort wird eine Partei die Nase vorn haben, die, um es mit Martin Luther zu sagen, dem Volk mehr „aufs Mauls geschaut hat“, als die Etablierten. Doch wer, wie einst Franz Josef Strauß meint, dass „Vox Populi Vox Rindvieh“ sei, macht es sich entschieden zu einfach. 

Die AfD ist aus einer populistischen Protestbewegung hervorgegangen, der die liberale Demokratie, der Diskurs, das Bohren dicker Bretter gewaltig auf den Geist geht. Wer sich den Luxus einer liberalen Gesinnung leisten könne, so signalisieren sie, sei oft weit weg von den Emotionen und Nöten der so genannten „kleinen Leute“, die sich von den Herausforderungen und Nöten einer immer komplizierteren Welt überfordert und bedroht fühlen. 

Deshalb fruchten Parolen, welche die Ängste schüren: Vor einer Islamisierung des Abendlands, vor Überfremdung und Verarmung breiter Bevölkerungskreise wird dann gewarnt. Und das angebliche Establishment, zu dem auch die Kirchen zählen, wird zum Feindbild erklärt. 

Natürlich distanziert man sich, wenn wie jüngst in Penzberg Schilder mit den Freitagsgebetszeiten der dortigen islamischen Gemeinde beschmiert werden. Die Vorbehalte, die in Angst und Hass münden, hat man vorher allerdings gepflegt und befördert. Was dagegen hilft? 

Nun: Vor allem der Blick über den Tellerrand hinaus. Was auch Anliegen unserer heutigen Ausgabe wieder ist. Davon zeugen die Berichte und Blitzlichter aus den Gemeinden; da beweist sich, dass die Welt beileibe nicht so trostlos und traurig ist, wie von den Populisten behauptet. Da wird ein ganz anderes Bild aus der so genannten Dritten Welt gezeigt und es kommen auch selbstkritische Meinungen vor. 

Denn das gehört zur ungeschriebenen Regel jedes Miteinanders. Dass man zuerst vor seiner eigenen Haustür kehrt, bevor man urteilt. Auch in diesem Heft werden Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser, feststellen, dass wir die Bodenhaftung nicht verloren haben. Dass der Glaube nichts mit Trübseligkeit zu tun hat.

Wo Volksfrömmigkeit noch wirkt und man sich einlässt auf die Weisheit der Schrift, wo Glaube und Vernunft sich die Hand geben, hat das Völkische keine Angriffsfläche.

Raimund Kirch
Mitglied im Herausgeberbeirat, ehemaliger Chefredakteur der Nürnberger Zeitung (NZ)