Empor gehoben ins Licht

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Die anrührenden Details der leuchtenden Chorfenster von St. Jakob in Rothenburg

Seelchen, sorgsam gewickelt wie die Säuglinge. Dann wieder erscheinen sie als kleine Figürchen, die in stiller Andacht die Hände falten – während Engel sie vorsichtig emporheben. Hoch oben in den Chorfenstern der St. Jakobs-Kirche in Rothenburg ob der Tauber tauchen sie immer wieder auf: gerettete Seelen, klein und bloß, getragen ins Licht.

Erstaunlich ist, wo diese Szenen spielen. Die Künstler arbeiteten für einen Ort, an dem kaum jemand ihre Details erkennen konnte. Die Fenster beginnen erst in zehn Metern Höhe und steigen bis auf siebzehn Meter hinauf. Lange bevor es Ferngläser oder Zoom gab, entfalteten die gotischen Glaskünstler dort oben dennoch ein Panorama der Hoffnung. Die kleinen Seelen waren nicht für die Nahsicht gedacht. Sie sollten hoch über den Köpfen der Menschen das Licht brechen – Verheißung statt Schaustück. Vielleicht liegt gerade darin ihre Kraft.

Die drei erhaltenen mittelalterlichen Fenster im Ostchor erzählen auf 182 kunstvoll gestalteten Scheiben vom Heilsgeschehen. 141 rechteckige Felder zeigen Personen und Szenen aus der biblischen Geschichte. Die Namen der Glasmaler sind verschollen. Doch ihre Werkstätten waren offenbar weithin bekannt, betont der Kunsthistoriker Hartmut Scholz.

Er erforschte jahrzehntelang für das europaweite Projekt „Corpus Vitrearum Medii Aevi“ eben dies „Gesamtwerk der Glasmalerei des Mittelalters“. Bereits vor gut 20 Jahren publizierte er seine Forschungen zu Mittelfranken. Daraus entnommen sind Einzelbände wie aktuell zu St. Jakob. Entstanden ist eine reich bebilderte Publikation, im Spagat zwischen touristischem Interesse und streng wissenschaftlicher Sprache. Wer sich aber darauf einlässt, entdeckt faszinierende Bildwelten.

Das älteste Chorfenster entstand um 1350. Es ist heute das Mittelfenster. Gestiftet hat es Götz Lesch von Endsee, der sich mit seinem Wappen darin verewigen ließ. Das Gotteshaus befand sich damals im gotischen Neubau, nachdem der Deutsche Orden es von der Mutterkirche im nahen Detwang gelöst hatte. Der Chor war bereits vollendet, wie Untersuchungen an den Holzbalken zeigen.

Die Namen der Künstler sind längst verschollen. Damals war es aber wohl keine unbekannte Werkstatt. Sie hatte zuvor in Augsburg und in Regensburg gewirkt, so Scholz. Auch in Rothenburg hinterließ sie ein bewundernswertes Werk.

Kurz vor 1400 entstanden die beiden seitlichen Chorfenster. Auch hier erkennt Scholz die Handschrift einer wandernden Werkstatt, die damals in bedeutenden Kirchen Süddeutschlands tätig war – von Nürnberg über München bis Augsburg.

Eins dieser Seiten-Chorfenster in St. Jakob zeigt die „Freuden Mariens“. Das andere widmet sich der „Heilig-Blut-Verehrung“. Trotz der sperrigen Namen machen sie Erlösung erfahrbar: anhand der Seelchen, die die Engel zum Heilsziel tragen.

Die Fenster erzählen Erlösung als Bewegung. Unten das Leid der Welt, das Kreuz und die wartenden Seelen. Darüber Engel, die Manna in Form von Backwerk und Brezeln herabwerfen – Sinnbild göttlicher Versorgung. Und über allem: Gottvater.

In diesen Manna-Szenen spiegeln sich Schatten ihrer Zeit. Einige Figuren sind mit Judenhüten und überzeichneten Nasen dargestellt – antijüdische Bildformeln, wie sie im Mittelalter verbreitet waren. Scholz weist allerdings darauf hin, dass solche Nasenformen auch bei Propheten und Aposteln auftreten, ohne abwertende Absicht. Doch auch Judas trägt beim Abendmahl als Einziger der Jünger eine deutlich hakige Nase. In seinen Kopf fährt gerade ein Dämon (drittes Bild).

Die komplexe Bildkomposition erschließt sich auch in der gedruckten Version bei Scholz kaum auf den ersten Blick. Eine interaktive Online-Darstellung (Link unten) hilft. Sie zeigt: In der strengen Oben-Unten-Dramaturgie befindet sich die Manna-Szene hoch über der Kreuzigung Jesu, über den geretteten Seelen, direkt unter Gottvater. Allerdings ist nicht ganz geklärt, ob der jetzige Aufbau dem ursprünglichen entspricht. Denn die Kunstwerke füllten ursprünglich andere Fenster.

Auch ihre Geschichte selbst erzählt von Bewahrung. Nur diese drei Fenster haben die Jahrhunderte überstanden. Schon um 1506 mussten erste Schäden repariert werden. Später ergänzten historistische Glasbilder verlorene Scheiben. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert folg­ten weitere Restaurierungen. 1943 nahm man die mittelalterlichen Fenster vorsorglich heraus, fotografierte sie detailliert – leider nur in Schwarzweiß – und brachte sie in Sicherheit. So überstanden sie die Bombardierung Rothenburgs am Karsamstag 1945. In den 1950er Jahren kehrten sie zurück.

2005 bis 2011 erforderte die Sanierung eine Eindämmung der Korrosion. Es ist, als müssten auch die Fenster immer neu bewahrt werden, damit sie weiter von Rettung erzählen. Wenn Sonnenstrahlen durch die Scheiben fallen, scheint es, als höben Engel die Seelen wirklich empor. Sie scheinen zu sagen: Glauben heißt, sich tragen zu lassen – aus dem Leid hinaus.

Buchtipp: Hartmut Scholz, St. Jakob in Rothenburg ob der Tauber, Regensburg 2025, ISBN 978-3-7954-9010-2; 80 Seiten; 12,95 Euro. Der Band wird am Donnerstag, 26. März, um 15 Uhr in der St. Jakobs-Kirche mit dem Verein Alt-Rothenburg vor Ort präsentiert.

https://corpusvitrearum.de/glasmalerei-im-kontext.html

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