Zwischen Kanzel und Krone

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Wie können wir Paul Gerhardt heute sehen? Foto: epd/F (bearbeitet)
Wie können wir Paul Gerhardt heute sehen? Foto: epd/F (bearbeitet)

Paul Gerhardt und der Streit um Einheit und Bekenntnis in Brandenburg-Preußen um 1667

Paul Gerhardt schrieb nicht nur besinnliche oder sinnenfrohe Lieder – er stand auch inmitten eines erbitterter Kampf um Wahrheit, Macht und das richtige Verständnis des evangelischen Glaubens: Berlin, die Hauptstadt Brandenburg-Preußens, erschien bereits in den 1660er Jahren als eine gespaltene Stadt. 

Während die Bevölkerung überwiegend lutherisch betete, bekannte sich das preußische Herrscherhaus seit Generationen zum reformierten Glauben. Bereits Johann Sigismund, der Großvater des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, war vom Luthertum zum reformierten Bekenntnis übergetreten. Damit begann eine konfessionelle Spannung, die das Land jahrzehntelang prägen sollte: hier die reformierte „Hof- und Beamtenreligion“, dort die lutherisch-orthodoxe Mehrheit der Untertanen.

Der junge Friedrich Wilhelm war in dieser Welt groß geworden. Reformierte Erzieher prägten ihn, Teile seiner Jugend verbrachte er in den Niederlanden. Dort lernte er nicht nur moderne Staatskunst kennen, sondern auch die Vorstellung, dass konfessionelle Gegensätze politisch gezähmt werden müssten. Für den Kurfürsten war klar: Die Protestanten konnten sich ihre inneren Kämpfe eigentlich nicht leisten – schon gar nicht angesichts der katholischen Mächte Europas.

Doch in Brandenburg traf dieser Gedanke auf eine lutherische Geistlichkeit, die ihre Lehre mit äußerster Entschlossenheit verteidigte. Im Zentrum der Auseinandersetzungen stand die Konkordienformel von 1577, jenes große innerlutherische Einigungswerk nach den Wirren
der Reformationszeit. Nach Martin Luthers Tod hatten sich die evangelischen Territorien erbittert zerstritten. Die Anhänger Philipp Melanchthons standen einem strengeren Luthertum gegenüber, besonders in Sachsen und Württemberg. Die Konkordienformel sollte diese Konflikte befrieden – und zugleich die Grenzen des rechten Glaubens festlegen.

Darin ging es um komplexe theologische Fragen: um die beiden Naturen Christi, um die Rechtfertigung allein aus Glauben, um Gottes Gnade – und vor allem um das Abendmahl. Gerade dort verlief die scharfe Trennlinie zwischen Lutheranern und Reformierten. Für orthodoxe Lutheraner war die reale Gegenwart Christi in Brot und Wein unverzichtbar. Für viele Berliner Prediger ging es da um entscheidende Glaubensfragen.

Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, wollte in seiner Hauptstadt auch seine Vorstellung durchsetzen: Schon 1655 hatte er dem Berliner Konsistorium verboten, an der Hundertjahrfeier des Augsburger Religionsfriedens in Wittenberg teilzunehmen – ein symbolischer Affront gegen das lutherische Zentrum.  

Ein Jahr später hob er die Verpflichtung auf die Konkordienformel sogar offiziell auf. Künftig sollten sich Geistliche nur noch auf Bibel, altkirchliche Bekenntnisse und die Confessio Augustana verpflichten. Das war ein direkter Angriff auf die lutherische Orthodoxie. Weitere Schritte folgten. Studenten aus Brandenburg durften nicht länger in Wittenberg studieren, der Hochburg des Luthertums. Stattdessen sollten sie nach Frankfurt an der Oder gehen. 

Nach einigen außenpolitischen Erfolgen in den 1660er Jahren konnte sich der Kurfürst stärker den inneren Angelegenheiten seines Landes widmen, und er begann energisch gegen die konfessionelle Verhärtung vorzugehen. Führende lutherische Geistliche wurden ihres Amtes enthoben. Schließlich verbot der Kurfürst am 2. Juni 1662 per Toleranzedikt die scharfe Kanzelrhetorik. Die Prediger sollten aufhören, gegeneinander zu polemisieren.

Doch das Gegenteil trat ein. Am 1. September 1662 begannen in Berlin offiziell angeordnete Religionsgespräche zwischen Lutheranern und Reformierten. Siebzehn Sitzungen lang diskutierten die Theologen bis Mai 1663 über Abendmahl, Gnade und Bekenntnis. Anstatt einer Verständigung vertieften sich die Gräben nur noch mehr.

Im Auge des Konflikts

Mitten in diesem theologischen Stellungskrieg arbeitete Paul Gerhardt. Der berühmte Liederdichter war seit 1657 zweiter Diakon an der Berliner Nikolaikirche. Nach außen blieb er vergleichsweise zurückhaltend; scharfe Kanzelpolemik ist von ihm nicht überliefert. Doch hinter den Kulissen spielte er eine zentrale Rolle. Als Schriftführer der Lutheraner formulierte er Stellungnahmen und Positionspapiere. Gerhardt war kein politischer Agitator – aber ein Mann klarer theologischer Überzeugungen.

Der Konflikt weitete sich immer weiter aus: Als es um die lutherische Exorzismusformel bei der Taufe ging, entschied der Kurfürst 1664 pragmatisch: Der Vater des Kindes solle bestimmen dürfen, ob diese Austreibung des Teufels verwendet werden sollte oder nicht.

Doch gleichzeitig verschärfte der Kurfürst den Druck. Ein zweites Toleranzedikt drohte allen Geistlichen mit Amtsenthebung, die sich den kurfürstlichen Vorgaben verweigerten. Zunächst traf es zwei Kollegen Gerhardts an der Nikolai- und Marienkirche. Dann kam der 31. Januar 1666: Nun sollte der Liederdichter eine Loyalitätserklärung unterschreiben – oder sein Amt zu verlieren. Er verweigerte die Unterschrift. Für ihn war die Sache keine Frage taktischer Klugheit, sondern des Gewissens.

Schnell folgte seine Entlassung. Doch nun zeigte sich, welchen Rückhalt der Pfarrer in Berlin besaß. Bürger und Zünfte protestierten gegen seine Absetzung. Mehrfach baten sie den Kurfürsten um seine Wiedereinsetzung. Selbst der Berliner Magistrat schaltete sich ein. Gerhardt war längst weit über seine Gemeinde hinaus bekannt; seine geistlichen Lieder wurden überall gesungen. 

Der Druck zeigte Wirkung. Am 12. Januar 1667 gab Friedrich Wilhelm nach und setzte Gerhardt wieder ein. Aber der Dichter lenkte nicht ein. Aus Glaubens- und Gewissensgründen verzichtete er auf das Amt. Vielleicht hätte Schweigen den Konflikt beendet. Doch Gerhardt wollte keinen Frieden gegen seine Überzeugung.

Am 4. Februar 1667 verfügte der Kurfürst deshalb endgültig die Entlassung Paul Gerhardt. Zwei Jahre später verließ er Berlin freiwillig – und übernahm eine Pfarrstelle in Lübben. Die Nachfolger des Großen Kurfürsten setzten dessen Weg fort – bis 1817 unter Friedrich Wilhelm III. die preußische Union zwischen beiden Glaubensrichtungen entstand.

Uns heute erscheint der Streit fern – zu sehr auf Prinzipien bedacht, die sich längst verschoben haben. Die „Leuenberger Konkordie“ hat 1973 den Ausgleich zwischen Lutheranern und Reformierten gebracht. Doch sie erfolgte aus eigenem Atnrieb der Glaubensrichtungen – nicht als Anstoß von oben. Und doch blieb von den Berliner Auseinandersetzungen noch etwas anderes zurück: das Bild Paul Gerhardts als standhaften Liederdichters.

Claudia Wasow-Kania/Konrad Klek: 50 Blicke auf Paul Gerhardt, 19 Euro, Eva-Verlag 2026; ISBN: 978-3-3740-79926.