Wandern unter Gottes Segen

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern über den Aaronitischen Segen

Arm in Arm sitze ich mit meiner Frau auf einer Bank bei einem Wäldchen. Unsere Rucksäcke stehen daneben im Gras. Gerade haben wir die letzte Etappe des Wanderwegs abgeschlossen. Die Beine sind schwer, der Schweiß auf unserer Haut steht für die Anstrengung, die der gemeinsame Weg gekostet hat. Umso intensiver genießen wir die Rast, die Aussicht, das Zwitschern der Vögel, die Wärme der Sonnenstrahlen. Ein tiefes Gefühl von Harmonie und Zufriedenheit breitet sich in uns aus, wir schweigen beredt und freuen uns einträchtig. 

Dann bekommen die Augen meiner Frau verschmitzte Fältchen, sie dreht den Kopf zu mir herüber und ihr ganzes Angesicht beginnt zu strahlen. Sie sagt: „In solchen Augenblicken kann ich den Segen wirklich spüren!“

Segen. So ein schönes Wort für so ein flüchtiges Gefühl. Wenn ich sonntags im Gottesdienst vor der Gemeinde stehe und den Segen singe, dann weiß ich, dass manche in den Bankreihen diesen Augenblick besonders genießen. Dass sie diese besondere Nähe Gottes, seines Angesichtes zugesprochen zu bekommen. Der Segen macht deutlich, dass Gott mich anblickt, dass er mich wahrnimmt, dass er seinen Segen genau mir zuspricht. Zweimal ist in diesem Segen vom „Angesicht“ die Rede. Das Angesicht Gottes leuchtet, es wendet sich mir zu, scheint über mir zu schweben. Und am Ende steht ein tiefer Friede. 

So positiv, so mitfühlend, so strahlend hell tritt Gott mit diesem Segen in mein Leben ein. Der Segen, den Gott zuspricht, ist ein ganz persönlicher Segen. Er wendet sich an ein „du“ und meint damit den einzelnen Menschen. In der Liturgie unserer Gottesdienste wird der Zuspruch des Segens oft in den Plural gesetzt: „Der Herr segne Euch und behüte Euch, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Euch …“. Das hebt hervor, dass wir als Menschen immer Teil einer Gruppe, einer Gemeinde, einer Gemeinschaft sind, die gemeinsam auf dem Weg ist. So wie die Israeliten. Sie waren mit Mose gemeinsam auf dem Weg in das gelobte Land. Und doch ist Gott für jede einzelne und jeden einzelnen da. Spricht an. Lässt sein Angesicht leuchten. 

Es ist gut, wenn ich mir diesen Segen nicht selbst zuspreche, sondern wenn es jemanden gibt, der mit die Worte sozusagen im Auftrag Gottes zuspricht. 

So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Aus 4. Mose 6,22–27

Gott beauftragt Aaron und seine Söhne, den Israeliten seinen Namen, Jahwe, zuzusprechen, diesen Namen auf sie zu legen. Die uralten Worte dieses Segens sind die einzigen, die die Bibel aus der Liturgie des Tempels von Jerusalem überliefert, und prägen das Selbstverständnis der Israeliten. Wenn Angehörige des Priestergeschlechtes in der Synagoge anwesend ist, dann werden bis heute sie gebeten, die Segensworte zu sprechen. Auch heute noch hat es für manche Gemeindeglieder einen besonderen Wert, die Worte des Segens von einer Pfarrperson zugesprochen zu bekommen. 

Mich selbst hat es berührt, dass meine Frau einmal mir den Segen mit ihrem leuchtenden Angesicht spürbar gemacht hat. Auf der Bank bei Sanspareil kosten wir den Augenblick, die Gegenwart dieses Segensgefühls so gut wie möglich aus, und erzählen uns von unseren Eindrücken. Hier wird uns bewusst, dass wir auf unserer Wanderung schon die ganze Zeit von Gottes Segen, von seiner Zuwendung begleitet und getragen waren. In diesem Augenblick kommt es auch in unseren Herzen an, bricht sich Bahn. Schön, dass Gott uns mit seinem Segen immer wieder so unerwartet nahe kommt. 

Pfarrer Hans-Christian Glas, Hof