Streifzüge zum Blättern und Staunen

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Fotograf Willi Pfitzinger (ganz links) und Autor Horst F. Rupp (ganz rechts) präsentieren die „Kleine Geschichte einer großen Stadt“ mit Verleger Achim Schneider von Rotabene und seiner Mutter Hannelore. Fotos: Andrea Müller/EW
Fotograf Willi Pfitzinger (ganz links) und Autor Horst F. Rupp (ganz rechts) präsentieren die „Kleine Geschichte einer großen Stadt“ mit Verleger Achim Schneider von Rotabene und seiner Mutter Hannelore. Fotos: Andrea Müller/EW

Buchtipp: Farbenprächtiger Spaziergang durch Geschichte und Gegenwart Rothenburgs

Ein Torbogen öffnet den Blick zu vergangenen Generationen. Die gotischen Kirchtürme von St. Jakob blicken auf Feiern und den Alltag vieler Jahrhunderte herab. Und selbst die mächtigen Stadtmauern scheinen von längst vergangenen Kriegen und Umbrüchen berichten zu können. Wer durch Rothenburgs Gassen schlendert, kennt sicherlich das Gefühl, unterwegs zu sein auf einen Spaziergang durch die Vergangenheit: Nun nimmt ein farbenprächtiges aktuelles Buch die Leserinnen und Leser auf Streifzüge durch die Stadtgeschichte mit.

„Kleine Geschichte einer großen Stadt“ lautet der Titel des griffigen Bandes. Wer eine trockene Chronik erwartet, wird schon nach wenigen Absätzen überrascht. Auf fast 300 Seiten entfaltet sich ein Streifzug durch die Vergangenheit Rothenburgs, der Geschichte nicht archiviert, sondern ihr neues Leben einhaucht.

Das Werk lebt in besonderer Weise von seinen Bildern. Die gut 50 Fotografien von Willi Pfitzinger sind weit mehr als schmückendes Beiwerk. Sie führen durch die Stadt im Wandel der Jahreszeiten, lenken den Blick auf verborgene Details hinter Fachwerkfassaden, auf das Spiel von Licht und Schatten in engen Gassen oder auf die Weite über den mittelalterlichen Mauern. 

Mal leuchten Herbstfarben zwischen historischen Gebäuden, mal tauchen dramatische Wolken die Stadtsilhouette in eine beinahe märchenhafte Stimmung. Die Fotos lenken den Blick auf viele Bauwerke, die Zeugnis von ihren Erlebnissen vergangener Jahrhunderte ablegen. Sie standen schon zur Zeit der größten Blüte der Stadt oder blickten auf die tiefe Krise des Bauernkrieges herab.

Facettenreiches Panorama

So entsteht Seite für Seite ein Panorama einer Stadt, die ihre Größe aus ihrer Geschichte zieht. Mehrere Bilder und Episoden verweisen direkt auf die Karte am Ende, so dass die Leser sie einfach wiederfinden können. So wird das Buch zu einem kundigen Weggefährten durch den Gang durch die Jahrhunderte bis ins Heute.

Der Autor dieser Spaziergänge, Horst F. Rupp, ist gebürtiger Rothenburger und war viele Jahre Professor an der Universität Würzburg für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts. Dass hier ein erfahrener Pädagoge schreibt, spürt man auf nahezu jeder Seite.

Auch er versteht es, historische Entwicklungen verständlich und anschaulich zu erzählen. Bei ihm bleiben Mauern nicht bloße Steine, Plätze keine leeren Kulissen und Türme keine stummen Denkmäler. Sie werden zu Schauplätzen menschlicher Hoffnungen, Konflikte und Entscheidungen. Dabei schöpft er aus jahrzehntelanger Beschäftigung mit seiner Heimatstadt. Bereits 2016 veröffentlichte er gemeinsam mit dem Historiker Karl Borchardt ein umfangreiches Standardwerk zur Geschichte der Stadt und ihres Umlandes. 

Das alte, gut 750 Seiten starke schwergewichtige Werk (das fast zwei Kilo wiegt) versammelte die Erkenntnisse zahlreicher Fachleute und gilt als unverzichtbares Nachschlagewerk – doch ist vergriffen. Der neue Führer setzt auf Zugänglichkeit. An einem verregneten Nachmittag lässt sich zwischen den farbenprächtigen Seiten schmökern, um Erinnerungen aufzuwecken. Ebenso griffig ist er in der Handtasche mitzuführen, um beim Gang durch die Altstadt einzelne Kapitel aufzuschlagen. Damit ist es praktisch die duftende Ergänzung zum historischen Schwarzbrot des Vorgängers: leicht zugänglich, reich bebildert und voller Entdeckungen.

Gerade darin liegt seine besondere Stärke. Besucher der Stadt erhalten weit mehr als eine Erinnerung an den Sehnsuchtsort Rothenburg mit seinen Fachwerkfassaden und Postkartenmotiven. Das Buch eröffnet tiefere Zugänge zu einer Stadt, deren Vergangenheit bis heute an nahezu jeder Straßenecke sichtbar bleibt. Und wer die Stadt zu kennen meint, entdeckt trotzdem Neues im Panorama der Jahrhunderte – oder manches Vertraute neu.

Es zeigt ebenso, wie lebendig Geschichtsforschung ist. Archäologische Funde der letzten Jahre haben das Wissen über Rothenburg erweitert. Neue Erkenntnisse aus dem Umland fließen ebenso ein wie die Entdeckung der Fundamente der Synagoge am Kapellenplatz. Geschichte erscheint hier nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als Prozess des Suchens, Fragens und Verstehens.

Besonders intensiv widmet sich Horst F. Rupp einer Epoche, die ihm seit Jahren am Herzen liegt: der Zeit von Reformation und Bauernkrieg. Bereits vor zwei Jahren veröffentlichte er gemeinsam mit Gerhard Simon eine Studie über den Bauernkrieg und den umstrittenen Prediger Johannes Teuschlein. Gerade in der „Kleinen Geschichte“ wird prägnant deutlich, wie sehr die Ereignisse von 1525 die Region geprägt haben. Bauern, Bürger und Handwerker erhoben damals ihre Stimme gegen Ungerechtigkeiten. Es zeigt auch die Gefahren einer noch so begründeten Empörung: Schossen sie dabei über ihr Ziel hinaus? Doch schien die Macht ein letztes Wort zu behalten – nicht Ideen.

Dass dieser Spaziergang durch die Jahrhunderte nun in dieser ansprechenden Form erscheinen konnte, ist auch dem Engagement der Rothenburger Verlegerfamilie Schneider zu verdanken. Mit Achim Schneider sowie seinen Eltern Wolfgang und Hannelore Schneider – einer ehemaligen Schulkameradin von Horst F. Rupp – stand dem Buch ein kompetenter Verlag aus der Region zur Seite. Sie und die Layouterin Pauline Pehl haben das Manuskript in ein hochwertig gestaltetes Buch geformt, das Inhalt und Erscheinungsbild überzeugend miteinander verzahnt.

So lädt die „Kleine Geschichte“ in wohl vielen Händen zum Blättern, Staunen und Entdecken ein. Sie macht Vergangenheit sichtbar – und beinahe greifbar. Spaziergänger mit dem Buch in der Hand erleben nicht nur ein Panorama vieler Jahrhunderte – sondern gewinnen neue Blicke durch die Fenster und Tore einer lebendigen Stadt.

Horst F. Rupp: Rothenburg ob der Tauber – Kleine Geschichte einer großen Stadt. Mit Fotografien von Willi Pfitzinger, 288 Seiten, Verlag Schneider Druck GmbH 2026; ISBN: 978-3-944109-72-5; 14,80 Euro.