Warum Vergebung ein so dorniger Weg ist

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt zur Kühnheit der Hoffnung auf Vergebung

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten. Und Abraham Gnade erweisen, wie du unseren Vätern vorzeiten geschworen hast.

Micha 7,18–20

„Micha“ – der Name bedeutet: Wer ist wie Gott? Die Antworten des Propheten lösen Erschrecken, Furcht und Staunen aus. Erschrecken, weil Gott die Verfehlungen der Mächtigen seines Volkes klar benennt. Furcht, weil die Verheerungen und das Elend, die dadurch ausgelöst werden, nur durch Gottes Zorn zu erklären sind. Am Ende stehen die vor ihm, die überlebt haben und singen staunend: Wo ist solche ein Gott, wie du bist …?

So klingt Vergebung. Aber können wir uns die Worte derer aneignen, die die Katastrophe hinter sich haben und hoffen, dass es irgendwie weitergeht? Um damit umgehen zu lernen muss sich der Blick zurück wenden: Zu Verstrickungen und Verfehlungen, die oft lange zurück liegen. Vergebung ist ein langer Weg. Wer darauf hofft, muss zuhören, aushalten, was er oder sie angerichtet haben. Und Verantwortung übernehmen. 

Gottes Güte hat eine vertikale und eine horizontale Dimension: sie ereignet sich da, wo Menschen mit anderen gerecht und barmherzig umgehen und sich nichts einbilden auf ihre Macht und Größe. Wie also geht das: Gott schon jetzt staunend loben für seine Vergebung? Ihm zu vertrauen, dass er nicht voller Zorn, sondern voller Güte auf uns schaut? 

Der ehemalige US-Präsident Barack Obama erzählt in seiner Autobiographie, wie er als junger Rechtsanwalt in Chicago einen Gottesdienst besucht. Er kommt zu spät, fühlt sich fremd, findet sich wieder in einer gedrängt vollen Bankreihe. Links eine alte Frau, rechts eine junge Mutter, die ihre zwei kleinen Jungs immer wieder davon abhalten muss, sich unter der Bank gegenseitig Fußtritte zu verpassen. Der Pastor predigt über die Kühnheit der Hoffnung. Wie kann man trotz allem darauf hoffen, dass sich etwas verändert, fragt er und erzählt von unerträglichen Zuständen, Verstrickungen, Dunkelheiten. 

„Da gab es Zeiten, in denen wir die Miete nicht bezahlen konnten. Zeiten, in denen es so aussah, als würde ich es nie zu etwas bringen“, so der Pastor. Und weiter: „Mit fünfzehn (wurde ich) verhaftet wegen Autodiebstahl, und doch sangen Momma und Daddy: ‚Danke Jesus, ein langer Weg …‘. Ich habe das damals nicht verstanden. Warum haben sie ihm gedankt für ihre Sorgen und Nöte? Aber ich habe nur die horizontale Dimension ihres Lebens gesehen. Ich habe nicht verstanden, dass sie von der vertikalen Dimension, von ihrer Beziehung zu Gott sprachen! Herr, ich danke dir, dass du mich nicht aufgegeben hast, als ich dich aufgab! 

Als die Predigt zu Ende ist, spürt Obama eine leise Berührung: „Ich bemerkte, dass der ältere Junge [neben] mir mir mit besorgtem Gesichtsausdruck ein Taschentuch reichte. Seine Mutter sah mich lächelnd an… Erst als ich mich bei dem Jungen bedankte, merkte ich, dass mir Tränen über die Wange liefen.“ (Barack Obama, Ein amerikanischer Traum, 2008, 302f). 

Barbara Hauck, Pfarrerin und City-Seelsorgerin i.R. Nürnberg