Wie Verehrung Geschichte macht

38
Rechts: Mutter Luise (1776–1810) erscheint dem verstorbenen Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) auf dem Paradebett, Gemälde von Fritz Steinmetz 1889. Fotos: Borée
Rechts: Mutter Luise (1776–1810) erscheint dem verstorbenen Kaiser Wilhelm I. (1797–1888) auf dem Paradebett, Gemälde von Fritz Steinmetz 1889. Fotos: Borée

GNM zeigt, warum sich Menschen Idole und Helden schaffen, sie verehren und ihnen verfallen

Beim Wartburgfest 1817 zum 300. Geburtstag der Reformation brannten Freudenfeuer – und Bücher „undeutscher“ Autoren sowie Symbole der Obrigkeit. Martin Luther war zum Freiheitshelden geworden, zum Kämpfer gegen das fremde Joch Roms. Doch die Fürsten holten sich schnell die Deutungsmacht über ihn zurück: Bald schon stand er überlebensgroß und unnahbar auf Denkmälern. Im Wohnzimmer des Bürgertums fand er sich als Büste, auf Medaillen oder Nippes wieder. Aus einer historischen Persönlichkeit war eine Ikone geworden.

„In Krisenzeiten und in Epochen großer Umbrüche gibt es ein besonders starkes Bedürfnis nach visionären Gestalten und Genies“, so Kuratorin Dr. Karin Rhein. Die Sonder­ausstellung „Genie, Idol, Star“ im Germanischen Nationalmuseum (GNM) widmet sich bis zum 6. September mit rund 180 Exponaten der Verehrung von 57 Promis. Karin Rhein leitet die GNM-Sammlung für Kunst und Kunsthandwerk des 19. Jahrhunderts und konnte so auf vielfältige Exponate zurückgreifen. Ihre Abteilung wird gerade umgebaut.

Die große Zeit der Heldenverehrung begann in einer Welt, die aus den Fugen geraten war. Die Französische Revolution hatte alte Gewissheiten erschüttert, die Industrialisierung traditionelle Lebenswelten. Religiöse Bindungen verloren an Kraft. 

Säkulare Erlöserfiguren

Das „Genie-Fieber grassierte zunehmend: Leitfiguren voller Schöpfungskraft, deren Kreativität fast übernatürlich wirkte, aber auch Grenzüberschreiter erfuhren besondere Auf­-
merksamkeit. Hinzu kam die Überzeugung, dass „einzelne Individuen ihre Zeit prägen“, so Rhein.

„Der Starkult wurde zur Ersatzreligion“, ergänzt die Kuratorin. Ein Glasgemälde zeigte Schiller bei der Heilung eines Kindes. Szenen aus dem Leben Albrecht Dürers wurden dargestellt wie Heiligenlegenden. 

Auch die Medien hatten sich tiefgreifend modernisiert: Um 1815 revolutionierten der Einsatz von Dampfmaschinen und rotierenden Zylinderpressen die Druckverfahren: Alles ließ sich billiger, schneller und in höheren Auflagen drucken. Die Erfindung von Fotos und Plakaten stand in der nächsten Runde an. Massenhaft lieferten die neuen Industrien die ersten Fanartikel für den gehobenen Geschmack noch mit einem gewissen kunsthandwerklichen Anspruch und bald schon immer billiger: Tassen mit Porträts der Berühmtheiten, Medaillen, Anhänger oder signierte Erinnerungsstücke. Was heute milliardenschwere Pop- und Influencer-Industrien antreibt, begann damals in den Salons und Wohnstuben des Bürgertums.

Lange bevor Popstars Stadien füllten, löste der Komponist Franz Liszt regelrechte Massenhysterien aus. Bewunderer sammelten Haarsträhnen von ihm wie Reliquien. Konzertbesuche brachten emotionale Ausnahmezustände – ein Vorläufer aktueller emotionaler Überwältigung gegenüber den Idolen – was wiederum den Glauben an das Charisma des Verehrten verstärkt. 

Exzentrische, gar abgründige Cha­raktere wie etwa Richard Wagner faszinierten besonders. Selbst Napoleons Rücksichtslosigkeit erschien als Merkmal außergewöhnlicher Größe. Genies mussten keine moralischen Vorbilder sein – nein, gerade ihre Grenzüberschreitungen zeigten ihre Besonderheit. 

Verehrung lebt von Ritualen, von Inszenierungen – von emotionaler Beteiligung des Publikums. Kulturwissenschaftler Albert Kümmel-Schnur erklärt solche Rituale der Vergegenwärtigung als „emotionales Paradox der Verehrung“. Sie verbindet Nähe und Distanz. Fans wollen ihren Idolen nahe sein – alles über sie oder ihn wissen – und zugleich ihre Unerreichbarkeit bewahren. Dies bedeutet immer auch, sich selbst kleiner zu machen. 

Auch berühmte Tänzerinnen und Sängerinnen brachten schon damals ihre Fans zur Ekstase. Mancher von ihnen gelang es so dennoch selbstbestimmter und freier zu leben, doch gleichzeitig hatten sie sich den geforderten Rollenmustern zu unterwerfen – und entweder unschuldig-kindlich oder sinnlich-fatal zu sein. Da „fragt sich, inwieweit sie manche Affären freiwillig führten“, so Rhein – gerade mit Männern, die Machtpositionen innehatten. 

Auch politische Symbolfiguren weckten Emotionen. Besonders eindrucksvoll die preußische Königin Luise: Die im Jahr 1810 früh verstorbene Monarchin galt als schöne, bescheidene und aufopferungsvolle Gegenspielerin Napoleons. Ihr Bild wurde zur Projektionsfläche nationaler Hoffnungen. Nach ihrem Tod stilisierte man sie nahezu zur „preußischen Madonna“. Selbst Jahrzehnte später half die Erinnerung an sie, die Herrschaft ihres Sohnes Wilhelm I. emotional zu legitimieren. Nach seinem Tod holte sie ihn, auf Wolken schwebend, ins verklärte Licht (Bild). Noch bis 1945 spornte ihr Beispiel Bräute und Mütter zum Durchhalten an.

Auch Luther bot viel Potential: Schon lange vor der Reichsgründung 1871 wurde er zum Symbol nationaler Größe. Im Ersten Weltkrieg diente seine Figur als Vorbild für Standhaftigkeit gegenüber übermächtigen Feinden. Dabei spaltete seine Verehrung die Deutschen: Doch Protestanten trugen das Deutsche Reich in besonderer Weise. Schließlich fördert auch etwa bei einem Fußballspiel das Gemeinschaftserlebnis besonders, wenn zwei Fangruppen jeweils ihre Teams anfeuern.

Der bayerische König Ludwig I. setzte ab 1830 mit der Errichtung der „Walhalla“ dagegen. Deren Idole hatten bereits die religiöse Dimension weitgehend verlassen. Sonst hat die Schau wenig bayerische Bezüge: auch nicht zum „Märchenkönig“ Ludwig II., in dem sich Überspanntheit und visionäre Gedanken eines Genies mischten. Dies sei auch durch den Fokus des GNM bei den Sammlungen bedingt, so Rhein. Seit Beginn wollte „es nicht nur ein bayerisches Museum sein, sondern Objekte aus der deutschen Kultur zeigen“. 

Helden spiegeln ihre Welt

An die Stelle klassischer Genies treten nun Tech-Visionäre, Pop-Stars und digitale Berühmtheiten. Figuren wie Steve Jobs oder Elon Musk inszenieren sich als Revolutionäre und Zukunftsgestalter. Gleichzeitig schaffen soziale Medien neue Formen von Berühmtheit. Influencer gewinnen ihre Anhänger nicht durch übermenschliche Distanz, sondern durch scheinbare Nähe und Authentizität. Verletzlichkeit wird zur neuen Stärke.

Da prägen Helden und Idole nicht nur ihre Epoche, sondern füllen idealtypische Rollen aus. Sie können Gemeinschaft stiften – oder diese manipulieren. Das erzählt oft mehr viel die Gesellschaft, die sie verehrt – und damit braucht, so Rhein. Ihre Verehrung kann in Populismus münden, wenn sich Rettergestalten gerade in Krisen entsprechend inszenieren und scheinbar einfache Lösungen anbieten. So hält die Ausstellung auch unserer Gegenwart ihren Spiegel vor. Viele Mechanismen der Verehrung haben sich verändert, die menschliche Sehnsucht nach möglichst tragenden Formen einer „Ersatzreligion“ dahinter kaum.