Glaube an die Zukunft als Verbrechen

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Cover des neuen Moltke-Buches sowie seine Verteidigung vor dem Volksgerichtshof. Fotos: PR und epd/F
Cover des neuen Moltke-Buches sowie seine Verteidigung vor dem Volksgerichtshof. Fotos: PR und epd/F

Lebenslinien: Helmuth James Graf von Moltke und der Widerstand des Kreisauer Kreises

„Ich stehe hier nicht als Protestant, …, nicht als Deutscher – sondern als Christ und als gar nichts anderes“, so Helmuth James von Moltke Anfang 1945 vor dem Volksgerichtshof. Genau das aber warf ihm dessen berüchtigter Präsident Roland Freisler vor. Moltke schrieb anschließend seiner Ehefrau Freya, Freislers entscheidender Vorwurf sei gewesen: „Eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: Wir verlangen den ganzen Menschen.“

Nicht die Beteiligung am Attentat auf Hitler legte man ihm zur Last. Sein Verbrechen bestand im Verständnis der Nazis darin, gemeinsam mit Gleichgesinnten über ein Deutschland nach Hitler nachgedacht zu haben – über einen Staat, der auf Recht, Menschenwürde und christlicher Verantwortung beruhen sollte.

Ist damit nicht längst alles gesagt über die Männer im Umfeld des 20. Juli 1944? Mehr als 80 Jahre hatten Historiker schließlich dafür Zeit. Nein, zeigt Volker Ullrich in seiner neuen Biographie über Helmuth James von Moltke (1907–1945). Moltkes Abschiedsbriefe an seine Frau etwa wollte sie zu Lebzeiten nicht veröffentlichen. Und sie starb erst 2010. Ullrich, Historiker und langjähriger „Zeit“-Journalist, interessiert sich da für die Einflüsse, die auf Moltke einwirkten und seine Weltsicht prägten. Doch brauchte auch er seit Erscheinen der Abschiedsbriefe 2011 nun 15 Jahre für die neue Biographie.

Trotz der Fülle an Details sowie der zahlreichen Zitate ist die Biographie sprachlich kraftvoll und gut lesbar. Dabei zeigt sich auch, wie stark Frauen die Männer des Widerstands prägten und unterstützten. Schon Moltkes Mutter Dorothy war alles andere als eine typische Gutsherrin. Die Tochter eines südafrikanischen Richters kam 1902 auf einer Bildungsreise nur zufällig in die schlesische Provinz. Mit dem damaligen Gutserben konnte sie sich zunächst kaum verständigen. Über die Musik fanden sie dennoch zueinander. Gegen viele Widerstände heirateten sie.

Ihren Erstgeborenen nannten sie wiederum Helmuth – nach dem Urgroßonkel, der 1866 als Feldmarschall bei Königgrätz Preußens Sieg erfochten hatte. Dazu kam James, nach dem Großvater in Südafrika. Der Vater begeisterte sich kaum für Jagd oder Landwirtschaft, umso mehr aber für die religiöse Bewegung „Christian Science“, die auf geistige Heilung setzte. Er glaubte, deren Wirkung selbst erfahren zu haben. Und er ließ sich entsprechend ausbilden. Das Gut brachte er unterdessen an den Rand des Bankrotts.

Die Frau an Moltkes Seite

Den jungen Helmuth James ließen die Eltern evangelisch taufen. Er wuchs zweisprachig auf und überragte mit gut zwei Metern bald fast alle. Ab 1925 studierte er Jura, schrieb immer wieder für amerikanische Zeitungen aus Berlin und engagierte sich für Reformpädagogik und die bündische Jugendbewegung.

Gleich nach dem ersten Examen nahm er trotz der Weltwirtschaftskrise die Sanierung des Gutes in Angriff. Bereits Anfang 1931 las er gemeinsam mit seiner Mutter Hitlers „Mein Kampf“. Anders als diese und viele Zeitgenossen nahm er das Buch schon damals ernst: „Der wird alles tun, was er in diesem fürchterlichen Buch schreibt.“

Noch wichtiger für sein weiteres Leben wurde jedoch die Begegnung mit Freya Deichmann im Jahr 1929. Sie warb temperamentvoll um ihn, während er eher zurückhaltend und kontrolliert wirkte. 1931 heirateten sie. Nach dem zweiten Examen 1934 half Moltke als Rechtsanwalt Mandanten bei der Emigration, während Freya den Alltag auf Kreisau verwaltete. Fast nebenher erwarb er in England die Zulassung zum Barrister. Mit dem eigenen Abschied aus Deutschland jedoch zögerte er zu lange.

Nach Kriegsbeginn konnte Moltke einen Fronteinsatz vermeiden und arbeitete in der völkerrechtlichen Beratungsstelle des Oberkommandos der Wehrmacht. Er hoffte, von innen heraus mäßigend eingreifen zu können. Dort traf er – wohl nicht ganz zufällig – auf zahlreiche spätere Widerstandskämpfer. Ullrich beschreibt Moltkes Weg in den Widerstand als eine über Jahre gewachsene Haltung, in der Rechtsbewusstsein, moralische Verantwortung und religiöse Überzeugung zusammenwirkten.

Der Weg des Gewissens

1940 begann Moltke gemeinsam mit Peter und Marion Yorck von Wartenburg eine Gesprächsrunde über die Zukunft nach dem Ende der NS-Tyrannei: den Kreisauer Kreis. Gleichgesinnte entwarfen eine Vision für ein Deutschland nach Hitler. Sie verbanden, so Ullrich, basisdemokratische Vorstellungen mit durchaus autoritär-patriarchalischen Zügen. Freya wusste um sein Tun und trug es mit. 

Einen konkreten Umsturz oder ein Attentat plante der Kreis jedoch nicht. Moltke setzte auf den inneren Zusammenbruch des Regimes. Das war moralisch konsequent, wirft aber zugleich die Frage auf, ob darin nicht auch ein Zug von Weltfremdheit lag, wie er schon den Vater geprägt hatte. In seinen Abschiedsbriefen hinterließ Moltke seinen Söhnen die Erklärung, er habe solche „Gewaltakte“ nicht unterstützt, weil er glaubte, „dass damit das geistige Grundübel gerade nicht beseitigt würde“. 

Moltke pflegte Kontakte zum württembergischen Landesbischof Theophil Wurm und zu Eugen Gerstenmaier ebenso wie zu den Katholiken Alfred Delp und Paulus van Husen. Verbindungen zu anderen Widerstandsgruppen bestanden, blieben jedoch schwierig. 

Dennoch versuchte er, Kontakte zu den westlichen Alliierten herzustellen. Diese setzten damals auf den militärischen Sieg und misstrauten den Widerstandsgruppen, „von denen man keine grundlegende demokratische Neuordnung Deutschlands erwartete“, so Ullrich.

Bereits im Januar 1944 wurde Moltke verhaftet, weil er einen Freund gewarnt hatte. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler war an die zunächst erhoffte Freilassung nicht mehr zu denken. Mit Freya wechselte er bewegende Briefe. Gerade in den letzten Wochen schmuggelte der Gefängnispfarrer Harald Poelchau diese heimlich. So konnten sie sich bis zuletzt ungestört austauschen.

Am 23. Januar 1945 wurde Moltke hingerichtet. Da rückte schon die Front in Richtung Kreisau näher. Ab 1947 lebte Freya mit ihren Söhnen zunächst in Südafrika, später in den USA. Sie kehrte jedoch immer wieder nach Deutschland zurück und setzte sich über Jahrzehnte für die Erinnerung an ihren Mann ein.

„Er war ohne Zweifel eine der wenigen Lichtgestalten des Widerstands gegen Hitler, aber kein unfehlbarer Heiliger“, schreibt Ullrich – in Anlehnung an Golo Mann. Moltke bleibt im Porträt zwar menschlich, doch fallen die Schatten auf sein Porträt eher klein aus. 

Im Oktober 1944 schrieb er an Freya: „Für uns waren diese letzten 8 Monate nicht verloren, wir sind wohl beide etwas andere Menschen geworden. Ich habe eine reiche Ernte gehalten.“ Und er erinnerte an die Worte aus der Grabrede für seine Mutter: „Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn“ (Römer 14,8). Vielleicht erklärt dies, weshalb Moltke bis heute fasziniert: nicht als „Lichtgestalt“, sondern als jemand, der gegen die totale Vereinnahmung darauf bestand: Dass der ganze Mensch letztlich einer anderen Instanz verpflichtet ist.

Volker Ullrich: Helmuth James von Moltke. Verlag C. H. Beck 2026. ISBN 978-3-4068-4375-4; 32 Euro, 428 Seiten. Dazu etwa die Abschiedsbriefe der Moltkes, im Beck-Verlag 2011 erschienen.