„Ohne die Steine im Bach wäre sein Rauschen nicht zu hören“

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Inge Wollschläger

Es gibt da diesen einen Bach, zu dem ich manchmal mit meinem Hund wandere. Vor allem jetzt, wo es so heiß ist. Normalerweise ist der Pudel kein großer Freund von Wasser. Pfützen werden skeptisch umrundet, Regen ist eher lästig. Aber bei diesem kleinen Bach ist plötzlich alles anders. Kaum sind wir da, rennt er begeistert hinein, plätschert mit den Pfoten im Wasser und jagt hinter Steinen und Stöckchen her, die ich ins Wasser schmeiße. Er scheint es zu genießen, wenn ein paar kühle Spritzer sein Fell treffen. Danach setzen wir uns gerne noch ein bisschen in den Schatten. Ich streichle ihn und wir beiden schauen in die Gegend. Das schöne Nichts-Tun. 

Einmal hatte ich kurz zuvor gelesen: „Ohne die Steine im Bach würden wir sein Rauschen nicht hören.“

Was für ein interessanter Gedanke. Die Steine bremsen das Wasser. Sie stehen ihm im Weg. Und doch sind sie es, die das leise Plätschern, das Murmeln und das fröhliche Rauschen erst entstehen lassen. Ein Bach ohne Hindernisse wäre vermutlich viel stiller.

Vielleicht ist das im Leben gar nicht mal so anders. Natürlich wünschen wir uns glatte Wege. Niemand freut sich über Krankheiten, Enttäuschungen, Abschiede oder Umwege. Wer einen Stein vor die Füße gelegt bekommt, ruft selten begeistert: „Wie schön. Endlich!“

Und doch entdecke ich manchmal erst im Rückblick, dass gerade diese „Steine im Lebensbach“ etwas in Bewegung gebracht haben. Sie haben mich langsamer werden lassen. Sie
haben neue Wege entstehen lassen. Sie haben Menschen in mein Leben geführt oder mir gezeigt, wie viel Kraft eigentlich in mir steckt.

Jeder Bach klingt anders. Jeder nimmt einen anderen Weg. Mal plätschert er fröhlich, mal rauscht er kräftig, mal fließt er fast lautlos dahin. Und doch findet er seinen Weg – Stein für Stein.

Vielleicht dürfen wir darauf vertrauen, dass auch unser Leben seine eigene Melodie spielt. Nicht immer so, wie wir sie komponiert hätten. Aber vielleicht genau so, dass sie am Ende unverwechselbar wird.

Wenn Sie in diesem Sommer irgendwo an einem Bach sitzen – vielleicht mit einem Hund, einem Enkelkind oder auch einfach ganz allein –, dann hören Sie doch einmal genau hin. Vielleicht erzählen die Steine im Bach Ihnen etwas über Ihr eigenes Leben.