Pfarrer Schindler arrangiert ein Totentanz-Projekt als seinen Abschiedsgruß aus Heilsbronn
Es ist für alle gleich – und für jeden unvergleichbar: das Ende des Lebens. Seit der Pestzeit zieht der Totentanz durch Europa. Immer wieder erinnert der Sensenmann daran, was niemand wissen will: Junge und Alte, Schöne und Hässliche, Mächtige und Schwache sind ihm gleichermaßen ausgeliefert – vom Kardinal bis zur ärmsten Kirchenmaus.
„Und doch waren manche gleicher“, ergänzt Pfarrer Dr. Ulrich Schindler. Er nickt hinüber zu den prächtigen Grabplatten im Mortuarium des Heilsbronner Münsters. Sie erinnern an die Mächtigen vergangener Epochen: Rund 500 von ihnen, darunter Angehörige der Hohenzollern, fanden in diesem „Raum der Toten“ ihre letzte Ruhe. Ihre prunkvollen Grabplatten unter dem gotischen Gewölbe erzählen noch heute von ihrem Rang und Bedeutung – während andere namenlos vergingen.
Der Kontrast ist dem Pfarrer bewusst. Bereits vor 14 Jahren, bei seinem Amtsantritt im Heilsbronner Münster, keimte in Ulrich Schindler die Idee, diese besonderen Räumlichkeiten für ein ungewöhnliches Kunst- und Kulturprojekt zum „Totentanz“ zu nutzen. Nun erfüllt sich dieser Traum als sein Abschiedswerk. „Wenn ich es nicht mache, macht es kein anderer, weil es meine Idee ist“, erklärt er. Regionalbischöfin Gisela Borwnowski verabschiedet Schindler als Pfarrer am Heilsbronner Münster am 18. Oktober in den Ruhestand.
Über seine Frau Rita entdeckte Schindler vor einigen Jahren den „Totentanz“-Zyklus von Angela Eberhard. Nun entstand aus dem Kontakt die Abschieds-Ausstellung. Seit Mitte September spiegeln Eberhards 15 Keramikobjekte die Grabtafeln und Säulen des Münsters.
Texttafeln und vergrößerte Reproduktionen der Totentanz-Holzschnitte des Renaissancekünstlers Hans Holbein ergänzen die Schau. Im Original sind sie nur wenig größer als Briefmarken. So begegnen sich im Mortuarium historische Bilder des Todes und Eberhards heutige Figuren.
Anschmiegsamer Tod
Auch die vergleichsweise handlichen Skulpturen Eberhards lenken den Blick von den Gewölben hin zu den Details direkt vor uns. Der Sensenmann thront schon auf dem Ei – beherrscht das Leben seit seinem Ursprung. Doch ihre Figuren zeigen auch, wie unterschiedlich sich der Tod nähern kann.
Der Tod kommt in ihrem Zyklus öfter als Tröster: Er erscheint als mütterliches Wesen, zu dem ein leidendes Kind emporblickt. Oder er sitzt als geduldig Wartender neben einer dahindämmernden Alten.
Eberhards Skelette erscheinen manches Mal sehr anlehnungsbedürftig. Doch ihre irdenen Körper müssen ohne jede Muskelkraft im Gleichgewicht bleiben. Daher sind sie so anschmiegsam. Aber sie sprengen aus diesem praktischen Umstand teils auch die korrekte Anatomie: Einem ihrer Tode habe ein Arzt bereits einen „Hüftschaden“ bescheinigt, gibt Eberhard augenzwinkernd zu.
Weitere Skelette allerdings besiegen den Gewinner, ringen mit dem Kraftprotz, umschlingen den Motorradfahrer und klammern sich fast spinnengleich um den Bauch einer Hochschwangeren.
Die Skulptur der „Tötin“ dreht das bekannte Motiv „Der Tod und das Mädchen“ um: Ein weiblicher Tod sitzt auf der Schulter eines jungen Geschäftsmannes, dessen Ohr am Handy klebt. Der Tod kann also trösten und sich an sein Gegenüber anschmiegen – aber auch überwältigen und festklammern.
Die letzte Figur steht allein: Nur der Tod, der einen Spiegel umklammert. Das Werk heißt „Auch du“. Wer hineinschaut, sieht sich selbst.
Hoffnung anstatt Scheitern
Natürlich scheitern am Ende alle Menschen, spätestens am eigenen Leben, so der Benediktinerpater Winfried Schwab vor rund 50 Gästen bei seiner Rede zur Ausstellungseröffnung. Doch: „Dieser Totentanz ist kein Projekt des Scheiterns, sondern eines der Zukunft, der Perspektive, der Hoffnung“ für Christen nach dem Durchgang durch das Dunkel.
Damit endet dieser Zyklus nicht beim Schrecken des Todes. Ein intensives Programm begleitete die Ausstellung. Allein drei Abende waren dem Tanz und der Musik gewidmet. Und dies an einem Ort, an dem einst Bestattungen stattfanden: So tanzten Angelica Di Sannio und Bettina Theil-Marinovic zu Musik von Schubert, Smetana und Bach.
Ob man auf Gräbern tanzen darf, ist für Schindler keine Frage der Pietät. Aber er weiß auch: „Der Tod ist oft so brutal, da tanzt sich nichts. Da sind Leute erstarrt und aufgelöst. Das darf auch sein und das muss auch möglich sein.“ Manche in der Gemeinde, die selbst noch trauern, fänden das Projekt deshalb heikel. Doch gehört für ihn das Sterben zum Leben mit dazu. So machte auch Pfarrer Schindler bei den Vorstellungen mit.
Schließlich sei sein Lieblingslied Reinhard Meys „Wie ein Baum, den man fällt, wie die Blume im Feld, möchte ich im Stehen sterben.“ So empfahl ihm einst ein Heidelberger Professor, mit bettlägerigen Sterbenden noch einmal aufzustehen und aus dem Fenster zu schauen: „Der Mensch hat einen aufrechten Gang. Dass das nicht das Ende ist, sondern der Ausblick: Da ist ein neues Leben. Auch wenn ich keine Ahnung habe, wie es da aussieht.“
Und dies gilt gerade dann, wenn sich der Tod mit seiner ganzen Last an einem hängt. Er ist für alle gleich, und doch begegnet ihm jeder anders: Manchmal als Umarmung, manchmal als Niederringen. Beides gehört zum Leben dazu – und zu seinem Ende: Doch dem Tod gehört nach christlicher Hoffnung nicht das letzte Wort.




























