Nicht nur Tote kehren zurück – auch Lebende

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Bezirksdechant Bruno Fröhlich. Der Sächsische Friedhof und Blick auf die Klosterkirche Schäßburg. Pfarrerin Angelika Beer in Hermannstadt. Fotos: Borée
Bezirksdechant Bruno Fröhlich. Der Sächsische Friedhof und Blick auf die Klosterkirche Schäßburg. Pfarrerin Angelika Beer in Hermannstadt. Fotos: Borée

Alte Kirchen, neue Biografien: Wie Siebenbürgen seine Geschichte weiterschreibt

An manchen Sommersonntagen kehrt das Leben nach Siebenbürgen zurück. Im deutschsprachigen Gottesdienst in der Klosterkirche von Schäßburg (Sighisoara) drängten sich im August 70 Menschen. Viele Besucher waren aus Deutschland oder Österreich in ihre alte Heimat zurückgekehrt. „Im Sommer kommen viele“, so Bezirksdechant (Dekan) und Stadtpfarrer Bruno Fröhlich. Zu Weihnachten seien es noch mehr.

Draußen lag die mittelalterliche Altstadt im gleißenden Augustlicht. Die UNESCO erklärte sie 1999 zum Weltkulturerbe. Besuchergruppen drängen durch enge Gassen, vorbei an Mauern und Türmen, hinauf zur Bergkirche. Für Touristen ist Schäßburg ein begehbares Denkmal. Für andere ist es Heimat: ein Ort, den man verlassen kann, aber offenbar nicht einfach hinter sich lässt.

Es kommen sogar die Toten zurück. Bruno Fröhlich bestattet regelmäßig Urnen von Menschen, die Siebenbürgen vor Jahrzehnten verlassen haben. Auf dem Sächsischen Friedhof an der Bergkirche erzählen die Gräber von dieser Bindung. 

Doch je weiter die Nachfahren entfernt leben, desto schwieriger wird die Pflege. Deshalb knüpfte Fröhlich Verbindungen zu einer internationalen Gruppe von Freiwilligen: Anstatt Urlaub zu machen, pflegten sie den alten Friedhof. Ihr Einsatz zeigt: Die Geschichte geht weiter.

Schäßburg ist kein Museum. Rund 25.000 Menschen leben heute hier. Zum evangelischen Kirchenbezirk gehören gut 2.300 Gemeindemitglieder in 86 Gemeinden. In Siebenbürgen zählen knapp 11.000 Deutschsprachige zur Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. Nach den großen Auswanderungswellen (vgl. Ausgabe 36) sind vor allem Menschen mit rumänischen Ehepartnern geblieben – oder solche, die ihre Heimat nicht aufgeben wollten.

Auch für viele Ausgewanderte bleibt die Verbindung bestehen. Im Sommer kommen sie oft in die „Heimatsortsgemeinde“ ihrer Vorfahren. Dann bitten sie Fröhlich oder seine Kollegen um einen Gottesdienst – in Kirchen, die sonst leer stehen. Für einige Stunden füllen sie sich wieder mit Liedern, Stimmen und Erinnerungen. So wird aus dem Besuch ein Stück gelebter Heimat.

Dekan Fröhlich ist ständig dienstlich unterwegs. Rund 30.000 Kilometer legt er jedes Jahr in Transsilvanien zurück. Sein Kirchenbezirk reicht bis in die Bukowina nahe der ukrainischen Grenze. Dort nahm ein evangelisches Freizeitheim Anfang 2022 Geflüchtete aus der Ukraine auf. Viele seien weitergezogen oder nach Hause zurückgekehrt, sagt Fröhlich. Die Kirche bewahrt nicht nur die Erinnerungen an Menschen, die gegangen sind. Sie wurde zugleich zum Zufluchtsort für Menschen, die selbst ihre Heimat verlassen mussten.

Noch vor zwei Jahren konnte der Pfarrer jedes Jahr einen Konfirmandenjahrgang einsegnen. Allmählich versiegt auch hier der Nachwuchs. Doch es gibt Hoffnung: Gerade erst hielt Benjamin Schaser als Diakon im Ehrenamt in Schäßburg seine Examenspredigt. Sie wurde allgemein gut aufgenommen. So kann kirchliches Leben weitergehen.

Zwischen evangelischer und rumänisch-orthodoxer Kirche hat sich zudem eine pragmatische Ökumene entwickelt, sagt der Dekan. Bei gemischten Ehen oder Fragen zur Anerkennung von Taufen suchen beide Seiten nach Lösungen. Fröhlich hat darüber promoviert: Wie lässt sich konfessionelle Verschiedenheit im Alltag gestalten, wenn die Lebenswege längst ineinander übergehen?

Biografien weiter knüpfen

Auch im Alten- und Pflegeheim „Dr. Carl Wolff“ in Hermannstadt erlebt Pfarrerin Angelika Beer eine weitere Form dieser Verbindung. Die Seelsorgerin geht gemeinsam mit den Seniorinnen und Senioren ihren Lebensgeschichten nach – auch mit Blick auf Gedenkandachten. Viele einzelne Lebensstationen fügen sich in der Erinnerung zu einem farbigen Teppich.

Doch das Leben der betagten Menschen spielt nicht nur in der Vergangenheit. Sogar im Alter gehört die digitale Welt für viele zum Alltag. Das Internet läuft hier oft besser als in Deutschland: Sie halten per Videotelefonie Kontakt zu Kindern und Enkeln, Gottesdienste werden gestreamt.

Beer kennt beide Länder. Nach ihrem Theologiestudium in Deutschland kehrte auch sie in ihre Heimat zurück. Sie beobachtet, dass nun gerade jüngere Menschen diesen Weg wählen. Wer zurückkehren will, muss aber die Kosten bedenken: Das Durchschnittseinkommen liegt in Rumänien mit umgerechnet rund 1.100 Euro netto laut europäischen Statistiken deutlich unter deutschem Niveau. Dabei kosten Lebensmittel und Benzin ähnlich viel wie hierzulande. Drogerieprodukte sind sogar deutlich teurer. Wer viel unterwegs ist, kauft sie möglichst in Deutschland.

Umso wichtiger ist Bildung – für die Siebenbürger Sachsen allerdings nicht nur eine Frage des beruflichen Fortkommens. Seit der Reformation prägt ein hoch entwickeltes Schulwesen ihre Identität. Beer erlebt, dass „ihre“ Seniorinnen und Senioren anspruchsvolle Auslegungen schätzen.

Wie diese Tradition weiterwirkt, zeigt auch das Teutsch-Haus in Hermannstadt. Es entstand vor fast 150 Jahren als Waisenhaus und trägt den Namen des Bischofs und Kirchenhistorikers Friedrich Teutsch († 1933). 

Heute gibt es dort das Landeskirchliche Museum und das Zentralarchiv. Gleichzeitig findet sich dort eine mehrsprachigen Buchhandlung mit Café in kühlen Räumen. So wird greifbar: Heimat verändert sich. Im schattigen Innenhof spielen Kinder. Wie werden sie den Lauf der Entwicklungen weiter gestalten?