Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zu Jesu Begegnung mit der kanaanäischen Frau
Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: „Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.“ Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: „Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.“ Er antwortete: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ Sie aber fiel vor ihm nieder und sprach: „Herr, hilf mir!“ Aber er sprach: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Sie sprach: „Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ a antwortete Jesus: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ Und ihre Tochter wurde gesund.
Aus Mt 15,21–28
Ein Hundeleben: Frau S. liebt Pauli und Pauli liebt (soweit man das sagen kann) Frau S. Der Rauhaardackel ist der Gefährte der betagten Witwe und ganz schön verwöhnt: Pauli darf natürlich aufs Sofa, auf dem extra eine Decke für ihn liegt. Pauli bekommt Leckerli en masse – auch der Pfarrer darf ihn beim Besuch einmal füttern.
Frau S.‘ Kinder und Enkel sind, so erzählt sie, sehr eingespannt und schaffen es nur selten, sie zu besuchen. Pauli hat Zeit und Pauli ist da. Er sorgt auch dafür, dass Frau S. regelmäßig bei Spaziergängen an die frische Luft kommt. Hunde wie Pauli gibt es viele: geliebt und verwöhnt. Ob es artgerecht ist, darüber kann man streiten, aber ohne Pauli wäre Frau S. sicher unglücklicher. Und Pauli selbst wirkt auch ziemlich zufrieden.
In der Gegend von Tyrus und Sidon, Hafenstädten nördlich von Israel, gab es vor 2.000 Jahren vermutlich auch Haushunde, die geliebt und umsorgt wurden. Jesus meint bei der Begegnung mit der kanaanäischen Frau nicht wilde Straßenhunde, sondern die domestizierte Variante. Deswegen wird das griechische Wort, das er verwendet, in manchen deutschen Bibeln auch mit „Hündlein“ übersetzt.
Jesus trifft in diesem Bibeltext eine sehr schlagfertigen Frau. Die Frau ist Kanaanäerin, also Nichtisraelitin und mit einem anderen Glauben aufgewachsen. Sie ist in großer Not: Ihre Tochter ist krank. Sie wendet sich an Rabbi Jesus und spricht ihn mit der Anrede an, die ihm aus dem Judentum als Messias zustehen sollte: „Sohn Davids.“ Dadurch zeigt sie, dass sie religiös offen ist.
Aber Jesus ist abweisend. Jesus spricht von den Kindern, beziehungsweise den verlorenen Schafen Israels, zu denen er gesandt ist. Da gehören die Kanaanäer nicht dazu.
Und tierisch geht es in seiner Ausführung weiter: Natürlich bekommen am Tisch die Kinder was und nicht die Hündchen! Die Frau denkt dieses Bild aber pfiffig weiter: Die Haushunde bekommen doch die Krümel vom Tisch ab, die den Kindern mehr oder weniger zufällig herunterfallen.
Bei so viel Glauben und Weisheit ist auch Jesus beeindruckt: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ Hat die kanaanäische Jesu sogar überzeugt, seine eigene Mission zu überdenken? Oder war Jesus das alles schon vorher bewusst und er lieferte der Frau eine weisheitliche Steilvorlage?
Die Geschichte erinnert an das Luther zugeschriebene Zitat „Man muss Gott seine Verheißungen um die Ohren reiben, bis sie ganz heiß werden!“ Diese Frau hat Jesus beeindruckt und ihre Tochter wird gesund.
Vielleicht wäre es eine Idee für das neue Gesangbuch, dem Lied „Weil ich Jesu Schäflein bin“ eine weitere Strophe zu dichten: „Weil ich Jesu Hündlein bin“.
Hannes Schott, Pfarrer an der Nürnberger Jakobskirche und Kabarettist




























