Nur wer sich unten auskennt, kann auch oben entscheiden

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Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus
Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Raimund Kirch über Führungsqualitäten

Die meisten von Ihnen werden wissen, warum dieser fünfte Fastensonntag „Judika“ heißt. Richtig: Weil der erste Satz im Psalm lateinisch „Judica me“ – zu deutsch „Richte mich (Gott)“ lautet. Und vielleicht fühlen sich ja auch die Frauen und Männer, die an diesem Sonntag zur Stichwahl antreten, ein Stück weit vor einem Gericht, das in diesem Fall die Wählerschaft darstellt. In diesen Stichwahlen geht es um die Ämter des Oberbürgermeisters in einigen Städten Bayerns und um Landratsposten in den jeweiligen Landkreisen. 

Nach der Leseordnung dieses Sonntags wird im Evanglium nach Markus die Geschichte erzählt, wonach die Söhne des Zepedäus, Jakobus und Johannes, Jesus fragen, ob sie dereinst im Himmelreich neben ihm sitzen dürfen; sie hätten es ja wohl durch ihre treue Jüngerschaft verdient (könnte man hinzufügen). 

Jesus antwortet, dass dies ja wohl gerade nicht das Thema sei und außerdem könne und wolle er das jetzt nicht entscheiden. Die beiden lassen nicht locker; reagieren beleidigt. Da wird der Meister fast unwillig. Wer führen will, so sagt er abweichend von der Luther-Übersetzung, der soll gefälligt erst einmal dienen lernen. Zu deutsch: Nur, wer sich unten an der Basis auskennt, kann auch oben in den Führungsrängen die richtigen Entscheidungen treffen! 

Und überhaupt. Wer führt, muss damit rechnen, angespuckt, mit Dreck beworfen und angegriffen zu werden. Kurzum: Man muss sich als Politiker und als Politikerin ein dickes Fell zulegen und leidensfähig sein. 

Denn die Ansprüche der Wählerschaft sind groß. Als Repräsentant und Repräsentantin des Volkes mag man zwar ein gutes Gehalt haben, bei Empfängen einen Ehrenplatz und eine satte Pension erwarten können; andererseits müssen Sprechstunden abgehalten, enervierende Sitzen durchgestanden, freche Lobbyisten angehört und abgewimmelt werden. Beim Einkaufen, beim Gang über den Marktplatz, ja manchmal sogar auf dem Klo wird man angesprochen und angenölt. 

Dabei heißt es immer zugewandt, immer bestens informiert, immer geduldig zu sein. Das kann gewaltig nerven. Ehen sind mitunter darüber gescheitert, Freundschaften beendet und fragwürdige Koalitionen eingangen worden …

Nicht dass es Jesus damals so gesagt hat, nein, aber heute würde er wohl so reden.