
Editorial von Raimund Kirch im Evangelischen Sonntagsblatt zum Endspurt vor den Sommerferien
Pfingstferien vorbei. Endspurt in Arbeit, Schule und Politik. Am 3. August beginnen die Sommerferien in Bayern. Und vor dieser kleinen oder großen Freiheit heißt es noch einmal die Ärmel hochzukrempeln. Denn das ist unser Los: Dass Innehalten, Kontemplation und Stillwerden eigentlich keinen Stellenwert mehr haben.
So notwendig diese Verhaltensweisen auch wären. Die moderne Gesellschaft ist eine Hochleistungsgesellschaft. Tag für Tag müssen wir funktionieren. Dabei verbrauchen wir nicht nur Unmengen an physikalischer Energie – fossile, nukleare, solare –, sondern wir benötigen sogar immer mehr davon: Im gerade abgelaufenen Jahr hat der damit verbundene globale CO2-Ausstoß schon wieder ein Rekordniveau erreicht, obwohl zugleich die Produktion erneuerbarer Energien gestiegen ist.
Ich bin mit dem Soziologen Hartmut Rosa der Meinung, dass wir diese Energie leider nicht brauchen, um die Welt zu verbessern, sondern um die bestehenden Systeme, um die sozialen Funktionen und Institutionen aufrechtzuerhalten. Und es stimmt wohl auch: Diese Gesellschaft bewegt sich wie in einem Hamsterrad. Mehr noch: die Aufrechterhaltung des Bestehenden erfordert eine beständige Steigerung der Produktion, des Tempos, der Innovationsleistung. Postwachstumsgesellschaft? Von wegen.
Rosa sieht eher eine widernatürliche Entwicklung: Denn kein lebendiger Organismus und kein Ökosystem richte sich so ein, dass sie stetig mehr Energie zum Überleben benötigten. Biologische wie zivilisatorische Evolution beruhe eher darauf, den notwendigen Energieeinsatz zu reduzieren. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die gerade amtierende Regierung, die so sehr am Fortschritt hängt und sich selbst unter Reformdruck setzt, gerade so wenig Zuspruch findet.
Sie erweckt den Eindruck, kaum mehr die Kraft zu haben, die ökonomische Stagnation zu überwinden und neue Impulse gegen den Klimawandel zu setzen. Hartmut Rosa spricht in diesem Zusammenhang von einer Erschöpfung, die an Erstarrung grenzt. Und ich finde auch, dass diese Regierung dringend Inspiration und psychische Aufrüstung bräuchte, die man auch als Seelsorge bezeichnen könnte. Leider kommen meiner Meinung nach von Seiten der Kirchen diesbezüglich zu wenig sichtbare Impulse. Wie heißt es doch so schön: Tue Gutes und rede darüber!

























