Den Koffer für die letzte Reise packen

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Pflegekraft mit einer Bewohnerin auf der Palliativstation. Foto: epd/F
Pflegekraft mit einer Bewohnerin auf der Palliativstation. Foto: epd/F

Kurs zur „Letzten Hilfe“ gibt Angehörigen Impulse, diesen Aufbruch zu begleiten

Wie begleitet man Angehörige am Lebensende? Ihr Sterben macht viele Menschen hilflos. Die Hospiz-Akademie in Nürnberg bietet regelmäßig Kurse zur „Letzten Hilfe“ an – auch online und mitten im Sommer. Judith Berthold und Judith Münch hielten ihn diesmal. 15 interessierte Frauen waren dabei.

Viele packen ihren Koffer sorgfältig für den Urlaub: Kleidung, Medikamente, Lieblingsbuch. Doch was wäre besonders wichtig für die letzte Reise? Auf diese Frage läuft ein Onlinekurs zur „Letzten Hilfe“ hinaus. Dabei geht es nicht nur darum Gegenstände einzupacken: Es geht um Erinnerungen und Symbole, Wünsche und Ängste. Um dafür besser gerüstet zu sein, nehmen die Teilnehmerinnen des Kurses zunächst eine andere Reise auf sich: den Weg durch die letzten Stunden und Tage eines Menschenlebens.

Der Onlinekurs nach dem Kurs­konzept von Letzte Hilfe Deutschland (last aid international) zeigt anhand eines Films aus der Reihe „W wie Wissen“ der ARD von der Palliativstation Erlangen verschiedene körperliche Merkmale im Vorfeld des Sterbens. Sie kommen auch online so nahe, dass sie nur schwer auszuhalten sind: Die Füße oder Beine des Sterbenden verfärben sich dunkel, weil der Körper das Blut zuerst den lebenswichtigen Organen zuführt. 

Sterbende atmen teils nur noch schwer und röchelnd. Gibt es dafür keine Linderung – etwa das Absaugen von Schleim, der das Luftholen behindert? Schon möglich, so die Referentinnen Judith Berthold und Judith Münch. Doch viele Menschen auf ihrer letzten Reise belastet das röchelnde Atmen weniger als der Prozess des Absaugens – zumal sich der Schleim an den Atemwegen dann schnell wieder bildet. Denn sie arbeiten zunehmend eingeschränkt.

Die Kräfte der Sterbenden schwinden. Das Interesse an der Umwelt nimmt ab. Menschen ziehen sich immer mehr in sich selbst zurück – Hospizbegleiter sprechen vom „sozialen Tod“. Gleichzeitig reagieren Sterbende psychisch mit Angst, Unruhe, depressiven Reaktionen, Ambivalenz und Verwirrtheit. 

Schließlich werden Herzschlag und Atmung unregelmäßig, bis beides irgendwann verstummt. Für Angehörige ist gerade das kaum auszuhalten. Sie möchten etwas tun, handeln, helfen. Doch die wichtigste Botschaft des Kurses lautet: Oft besteht die größte Hilfe darin, einfach da zu sein. Eine Hand halten. Leise erzählen. Selbst wenn der Sterbende bereits bewusstlos erscheint, können Worte und Berührungen ihn möglicherweise noch erreichen. 

Gespräche als Wegweiser

Angelehnt an die Rettungskette der Ersten Hilfe vermittelt der Kurs das Konzept der „Letzten Hilfe“. Er gliedert sich in vier Teile: Neben dieser Einleitung zu den körperlichen Vorgängen beim Sterben ging es um die drei weiteren Themen „Vorsorgen und Entscheiden“, „Leiden lindern“ und „Abschied nehmen“. 

Schon lange vor dem eigentlichen Sterbeprozess sollten Familien über Wünsche und Vorstellungen bei der letzten Reise sprechen: Wer soll später Entscheidungen treffen? Wo möchte ich sterben? Welche medizinischen Maßnahmen wünsche ich mir – und welche nicht? Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht schaffen Klarheit, ersetzen aber nicht das Gespräch mit den Menschen, die diese Entscheidungen eines Tages mittragen müssen.

Es gelte, passende Gelegenheiten zu nutzen, mutig und respektvoll zu sein – aber auch Schweigen und Verdrängung als legitime Reaktionen zu respektieren, so die Kursleiterinnen. 

Das Bayerische Staatsministerium der Justiz stellt entsprechende Formulare kostenlos zur Verfügung. Hospizvereine geben Impulse beim Ausfüllen. Für sie stehen Fragen nach Lebensqualität und Symptomlinderung, größtmögliche Selbstbestimmung und ein ganzheitlicher Ansatz über allem. Ehrenamtliche engagieren sich in vielen lokalen und regionalen Hospizvereinen.

Auch der Wunsch zu sterben verlangt nach Aufmerksamkeit, so die Referentinnen. Meist sei er Ausdruck großen Leidens und tiefer Ambivalenz. Dahinter stehe oft zugleich der Wunsch, weiterleben zu wollen – aber ohne Schmerzen, Angst oder Hoffnungslosigkeit. Zuhören sei dann wichtiger als schnelle Antworten.

Begleitung beim Aufbruch

Ebenso praktisch ist der Kurs bei Impulsen zur alltäglichen Begleitung Sterbender. Sanfte Berührungen, leichte Massagen, eine angenehme Lagerung, ruhige Musik oder vertraute Rituale können ebenso entlasten wie Aromapflege oder Achtsamkeitsübungen. Was genau? Auch dazu helfen Gespräche vorab. Medikamente spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, etwa gegen Schmerzen, Atemnot oder Unruhe. Doch sie sind nur ein Teil einer ganzheitlichen Begleitung, in der Lebensqualität und Selbstbestimmung im Mittelpunkt stehen.

Überhaupt räumt der Kurs mit verbreiteten Vorstellungen auf. Viele fürchten, ein Sterbender müsse unbedingt zum Essen und Trinken bewegt werden. Tatsächlich gehört der nachlassende Hunger und Durst zum natürlichen Sterbeprozess. Der Körper stellt sich um, das Gehirn schüttet Botenstoffe aus, die das Sterben erleichtern können. 

Statt auf Essen zu drängen, genügt es oft, Mund und Schleimhäute vorsichtig feucht zu halten. Doch selbst bei bewusstlosen Menschen sollten die Begleitenden es vorher deutlich ankündigen, da es eine intensive Berührung ist. Es gibt auch Hilfsmittel dafür wie Fruchtsauger – ursprünglich für Baby gedacht – die langsam Flüssigkeiten abgeben. Oder kleine Eiswürfel.

Abschied nach dem Tod

Auch nach dem Tod endet die Fürsorge nicht sofort. Auch da bleibt noch Zeit für einen ruhigen Abschied, bevor Ärzte, Bestatter und Behörden den weiteren Weg bestimmen. Angehörige müssen nicht sofort alles durchorganisieren. Gerade bei einem erwarteten Sterbefall kann ein Verstorbener bis zu 72 Stunden zuhause aufgebahrt werden. 

Trauer schließlich verläuft selten geradlinig. Verleugnung, Wut, Verzweiflung und Akzeptanz wechseln sich ab, kehren wieder oder bleiben aus. Es gibt kein richtiges oder falsches Trauern. Wer Trauernden begegnet, sollte vor allem zuhören, Geduld haben und konkrete Hilfe anbieten – statt sie mit gut gemeinten Ratschlägen unter Druck zu setzen. aber das ist fast ein eigenes Thema.

Am Ende des Kurses blieb das Bild vom „Koffer für die letzte Reise“. Welche Wünsche sind mir wichtig? Welche Musik soll erklingen? Wer soll mich begleiten? Welche Erinnerungen tragen mich? Diese Fragen, verschieben viele lieber auf später. Doch wer sich rechtzeitig damit beschäftigt, nimmt diesem Weg vielleicht ein wenig seinen Schrecken – und schenkt den Zurückbleibenden, Orientierung und Trost.

Mehr: https://www.hospizakademie-nuernberg.de oder https://www.letztehilfe.info