Suppe, Seelenheil und sozialer Sprengstoff

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Die Vortragenden beim Symposium zum 20-jährigen Jubiläums: Thomas Greif aus Rummelsberg und Claudia Berwind vom Kirchenmuseum (obere Reihe von links) sowie Ludwig Pelzl aus Nijmegen, Juliane Sander vom Förderverein, Alfred Stefan Weiß aus Salzburg und Wolfgang F. Reddig aus Ansbach. Foto: Borée
Die Vortragenden beim Symposium zum 20-jährigen Jubiläums: Thomas Greif aus Rummelsberg und Claudia Berwind vom Kirchenmuseum (obere Reihe von links) sowie Ludwig Pelzl aus Nijmegen, Juliane Sander vom Förderverein, Alfred Stefan Weiß aus Salzburg und Wolfgang F. Reddig aus Ansbach. Foto: Borée

Windsheimer Kirchenmuseum feiert 20-Jähriges mit Symposium und Sonderschau zum Spital

Jede Woche derselbe Speiseplan: Für die Bewohnerinnen und Bewohner des Windsheimer Spitals war Essen Teil eines streng geregelten Alltags. An vielen Tagen gab es Suppe. Fleisch immerhin sonntags und dienstags. Abwechslung bot diese Kost kaum –aber sie hatten da noch Glück. Denn die Qualität der Versorgung hing oft wesentlich von den jeweiligen Spitalleitungen ab. Manche wirtschafteten verantwortungsvoll, andere sparten am Essen oder bereicherten sich auf Kosten der Bedürftigen, wie der Historiker Alfred Stefan Weiß erläuterte.

Wie eng Versorgung, Fürsorge und wirtschaftliche Zwänge zusammenhingen, zeigt die Sonderausstellung „Care“ im Kirchenmuseum Bad Windsheim (bis 11. Oktober). Damit und mit einem intensiven Symposium feiert das Kirchenmuseum Bad Windsheim sein 20-jähriges Bestehen und widmet sich zugleich der Geschichte von Fürsorge und Pflege. 

Passender könnte der Ausstellungsort kaum sein. Die ehemalige Spitalkirche erzählt ihre Geschichte gleichsam selbst: Archäologische Funde und historische Quellen wie die Speiseordnung eröffnen Einblicke in den Alltag ihrer Bewohner. Sie machen deutlich, dass Spitäler weit mehr waren als Orte christlicher Nächstenliebe. Sie waren Mikrokosmen ihrer Zeit, in denen Fürsorge, Frömmigkeit und wirtschaftliche Interessen aufeinandertrafen.

Beim Symposium verdeutlichte der Salzburger Historiker Alfred Stefan Weiß mit einem eindrücklichen Beispiel aus Innsbruck, wie weit wirtschaftliche Zwänge ihren Alltag beeinflussten. Ein Flugblatt, das auf ein tatsächliches Ereignis zurückgehen soll, zeigt einen stark abgemagerten, nach einem Schlaganfall gelähmten Greis. Halb entkleidet liegt er auf Tüchern, die ihn zumindest vor Wundliegen schützen sollten. Und sein Spital stellte ihn zur Schau, um Spenden zu erbetteln.

Die Bewohner bildeten keineswegs eine einheitliche Gruppe. Denn Spitäler waren nicht nur Zufluchtsorte für Bedürftige. Gleichzeitig konnten sich wohlhabende Pfründner durch die Übertragung ihres Vermögens einen lebenslangen Versorgungsplatz inklusive besonderer Rechte sichern. Ihr Erbe und sogar das selbst mitgebrachte Bett fiel dann ans Spital. Daher dokumentierten die Spitäler öfter diesen Besitz in Inventarlisten äußerst genau. Sie sollten verhindern, dass Eigentum noch vor dem Tod heimlich an Verwandte weitergegeben oder aus dem Spital geschafft wurde. Für heutige Historiker ein Glücksfall, wie die Forschungen von Wolfgang F. Reddig zeigen. 

Der Leiter des Markgrafenmuseums Ansbach erforschte intensiv diese Quellen. Denn sie veranschaulichen ihre Besitz- und Lebensverhältnisse. Solche Verzeichnisse zeigen zugleich, wie genau das Leben im Spital geregelt war. Ordnung war das Fundament des Zusammenlebens gegen alle Zerreißproben. 

Diese Regeln dienten jedoch nicht nur einem geordneten Zusammenleben. Sie hatten auch eine religiöse Funktion. Ein streng geregelter Tagesablauf sollte Unruhe ebenso verhindern wie Müßiggang. Der Alltag folgte festen Regeln, die sich über Jahrhunderte kaum veränderten. Erst die Aufklärung drängte religiöse Vorgaben allmählich zurück. 

Jahrhunderte lang  sollten die Bewohner nicht nur ihr eigenes Seelenheil sichern, sondern mit Gebeten auch das der Stifter und Wohltäter fördern. Allgegenwärtig blieb da die Erinnerung an die Vergänglichkeit – etwa durch Weihwassergefäße in Form von Totenschädeln. 

Arbeit spielte hingegen meist keine Rolle mehr, kleinere Pflegeaufgaben übernahmen oft Frauen. Gleichzeitig legten die Einrichtungen Wert auf ein sauberes und würdiges Erscheinungsbild, auch wenn Kleidung oft viele Jahre getragen wurde. 

Doch wer verbrachte seinen Lebensabend im Spital? Entgegen verbreiteten Vorstellungen starben im Mittelalter nicht alle jung: Rund zehn Prozent der Bevölkerung waren älter als 60 Jahre. Dass unser Bild vom Alter im Mittelalter vielfach auf Irrtümern beruht, zeigte auch Sozialhistoriker Ludwig Pelzl. 

Das niedrige Durchschnittsalter erklärt sich vor allem durch hohe Kindersterblichkeit und die häufigen Todesfälle junger Frauen im Kindbett. Dennoch konnten ältere Menschen nicht immer von ihren Familien versorgt werden. So schlossen Spitäler eine Lücke.

Spitäler versuchten ein Gleichgewicht bei der Aufnahme Bedürftiger und Wohlhabender. Aber auch die Aufnahme zu vieler Pfründner konnte für ein Spital wirtschaftlich zum Problem werden: Wer wollte dafür noch spenden oder stiften? Mussten sie länger als sechs oder acht Jahre versorgt werden, geriet die Finanzierung ihrer Sonderbehandlung ins Defizit. 

Dass sich Fragen nach Fürsorge und Verantwortung durch die Jahrhunderte ziehen, machte anschließend Thomas Greif vom Rummelsberger Diakoniemuseum deutlich. Er spannte den Bogen zu Stummfilmen der 1920er- und 1930er-Jahre. Sie zeigten den Alltag in Altenheimen und Behinderten-Einrichtungen. Die Bewohner oder ihre Angehörigen wurden dazu nicht gefragt, betonte er. Die Aufnahmen wirken auch deshalb beklemmend, da mehrere der damals Gefilmten bald schon Opfer der Nazi-„Euthanasie“ wurden.

Hinter Speiseplänen, Inventarlisten und alten Filmen treten Menschen hervor, deren Hoffnungen, Ängste und Abhängigkeiten durchaus vertraut wirken. Die Quellen werfen auch Fragen auf, die bis heute aktuell sind: Wie viel Fürsorge kann sich eine Gesellschaft leisten? Wer trägt wie Verantwortung? Die Ausstellung im Kirchenmuseum knüpft daran an und zeigt, dass diese Fragen bis heute immer wieder neu beantwortet werden müssen.