Vom Wert der Dinge: Die Zukunft passt in keine Kiste

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Chefredakteurin Susanne Borée, Hintergrundbild von Erich Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Chefredakteurin Susanne Borée

Nach vielen Jahren waren sie plötzlich wieder gefragt: unsere Tischtennisschläger. Die hatten wir doch noch! So erinnerte ich mich. Und ich jagte ihnen nach – auf unserem Dachboden, der auch noch abends glühte wie ein Backofen.

„Ob ich das noch brauchen kann?“ Vor einigen Wochen, Anfang Juni, verneinte Inge Wollschläger an dieser Stelle die Frage. Damit hat sie einen Nerv getroffen, der tiefer reicht als jede Ordnung: Wenn wir entscheiden müssen, was bleiben darf oder gehen soll, dann geht es oft um mehr als bloße Objekte:Sie helfen manchen  Erinnerungen wieder auf die Sprünge. 

Und sie zeigen ein stilles Misstrauen gegenüber der Zukunft: Denn beim Aussortieren entscheiden wir Heute über ein mögliches Morgen: Bin ich mir sicher, was ich dies und jenes nie wieder brauche? Dies mit dem Wissen des Augenblicks – Und die Zukunft hält sich einfach nicht daran! 

Oft halte ich zu lange an einem Gegenstand fest, der längst seinen Zweck erfüllt hat. Dann wieder erlebe ich ein beherztes Weggeben, das sich im ersten Moment wie Befreiung anfühlt – endlich weniger! 

Und Wochen oder Jahre später, das Gegengefühl: Genau das hätte ich jetzt gebrauchen können! Nichts Lebensentscheidendes, aber genug für den kleinen Stachel: Da war ich wohl vorschnell. Die Tischtennisschläger jedoch hatte ich nie entsorgt, da war ich mir sicher. Nur: Wo lagen sie?

Loslassen bleibt eine schwierige Kunst. Es ist nicht nur eine Frage der Vernunft, sondern auch des Vertrauens: dass das Leben sich nicht an der Größe unserer Vorräte entscheidet. Es braucht Gelassenheit gegenüber dem Ungeplanten. Und gleichzeitig die Einsicht, dass radikale Entrümpelung teils wenig nachhaltig ist. Dann muss das Benötigte wieder in den Warenkorb – hoffentlich nicht die Tischtennisschläger! 

Vielleicht sollte ich manches gar nicht erst anschaffen – nur weil es gerade günstig oder praktisch ist. Andererseits habe ich schon oft dabei gespart. Nur ist ein wenig Ordnung dafür nötig, damit das Gesuchte nach Jahren auffindbar ist. Das rechte Gleichgewicht beim Aufheben und Loslassen spiegelt unseren Umgang mit der Vergangenheit – und der Zukunft. 

Da war ich richtig erleichtert, als ich die Schläger endlich fand: Sie hatten sich in eine Kiste verkrümelt, die für sie nicht zuständig ist. Ich begrüßte das Ziel meiner Suche freudiger als es ihrem materiellen Wert entsprach: Meine Erinnerung an sie hatte mich nicht getrogen.