Zu schwach, um in Gottes Dienst zu treten?

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zur Berufung des Jeremia

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

Aus Jeremia 1,4–10

Eine Stellenausschreibung in der Zeitung oder im Internet. Ja, die Qualifikation passt, das Aufgabenprofil, das Gehalt. Jetzt heißt es schnell sein, eine aussagekräftige Bewerbung verfassen; da muss man schon viel Energie und Herzblut hineinstecken, damit alles stimmt. Im Idealfall meldet sich der Arbeitgeber, es kommt zum Vorstellungsgespräch, manchmal online per Zoom, man lernt sich kennen und kriegt tatsächlich die Zusage.

Anders als beim sprichwörtlichen Meister, der nicht vom Himmel fällt, scheint das bei Propheten zu sein. Schon vor Jeremias Geburt hat Gott entschieden: Du wirst Prophet! Keine freie Berufswahl, keine Stellenausschreibung und Bewerbung, kein Casting. Alles vorher bestimmt!

Kein Wunder, dass sich Jeremia wehrt, wie so viele andere, die Gott anspricht: Mose kann nicht gut reden, Jesaja hat unreine Lippen, Maria weiß von keinem Mann, Jona versucht sogar einfach abzuhauen. Jeremia nun meint, er sei zu jung. Eine eher schwache Ausrede, älter wird er ja von alleine. 

Ich vermute, er hat Angst vor der großen Aufgabe, die ihm Gott da zuschieben will, Angst, Fehler zu machen, und vor den Konflikten, mit denen ein Prophet nach seiner Berufsbeschreibung immer zu rechnen hat: Warnung vor Untergang und Zerstörung, Ausreißen und Verderben, Aufruf zur Umkehr und Abkehr von der Sünde Welches Publikum will solch unbequeme Wahrheiten schon hören?

Das ist heute nicht anders als damals. Klimawandel, demographischer Wandel, Krise der Demokratie und nicht zuletzt auch der Wandel in unserer Kirche. Sich diesen Herausforderungen zu stellen, ist anstrengend und macht Angst. 

Umbruchprozesse sind mühsam und oft schmerzlich. Sich zu engagieren ist oftmals frustrierend. Auch ich möchte mich manchmal widersetzen, wenn ich meine Komfortzone verlassen muss. Die Macht der Gewohnheit und Beharrungskräfte möchten nicht, dass sich was ändert, dass ich neue Aufgaben übernehme mit ungeahnten Herausforderungen. Weitermachen wie bisher wäre leichter. Ich bin zwar nicht zu jung, aber vielleicht schon zu alt?

Die Angst vor neuen Anforderungen, vor aller Ungewissheit möchte uns Gott nehmen. „Fürchte dich nicht“, sagt er zu Jeremia – und auch zu mir, „denn ich bin bei dir.“ Und noch mehr als das: Alles, was ich brauche, hat mir mein Schöpfer schon im Mutterleib gegeben. Vielleicht muss ich meine Gaben nur noch entdecken. All das macht mir Mut, mich auf den Weg zu machen.

Karl-Uwe Rasp, Dekan in Bad Neustadt