Dasein für andere – auch ohne große Lösung

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Inge Wollschläger

In den vergangenen Tagen begegnete mir in den sozialen Medien das Gemälde „The Doctor“ des englischen Malers Luke Fildes aus dem Jahr 1891. Zu sehen ist eine einfache, ärmliche Stube. Im Mittelpunkt liegt ein schwerkrankes Kind auf einem provisorischen Bett. Im Hintergrund sind die Eltern zu sehen – erschöpft, verzweifelt, fast vom Halbdunkel verschluckt. Auf einem Tisch stehen eine Öllampe, eine Tasse und ein paar Fläschchen. Durch das Fenster fällt das erste Licht des Morgens. Und direkt vor dem Kind sitzt ein Mann – der Arzt.

Nicht mit einem Stethoskop in der Hand. Nicht bei einer spektakulären Behandlung. Er tut scheinbar gar nichts. Er sitzt einfach da. Nach vorn gebeugt, den Blick ganz auf das Kind gerichtet. Wach. Konzentriert. Gegenwärtig.

Mich hat dieses Bild nicht mehr losgelassen. Vielleicht, weil ich in den letzten Wochen so viele Geschichten gehört habe. Geschichten von Menschen, die nicht geblieben sind. Von Kindern, die den Kontakt zu ihren alten Eltern abbrechen, weil die Demenz zu anstrengend wird. Von Partnern, denen Krankheit zu schwer wird. Von Freunden, die sich zurückziehen, sobald Sorgen oder Trauer das Gespräch bestimmen. Sicherlich nicht aus Bosheit. Eher aus Überforderung. Vielleicht ist es die Angst. Oft auch, weil sie das Leid einfach nicht mehr ansehen oder hören können. Dabei wäre Dableiben vielleicht die größte Form der Liebe.

Wir leben in einer Zeit, in der wir vieles lösen wollen. Probleme. Schmerzen. Krisen. Möglichst schnell. Wenn nichts mehr zu reparieren ist, fühlen wir uns hilflos.

Doch Menschen brauchen nicht immer Lösungen. Manchmal brauchen sie jemanden, der den Stuhl ans Bett zieht und bleibt. Der die Stille aushält. Der nicht sofort tröstet, sondern zuhört. Der den Blick nicht abwendet.

Vielleicht ist das die eigentliche Sorgearbeit: Nicht alles richten zu können. Sondern nicht zu gehen.

Das gilt für Angehörige ebenso wie für Freundschaften, für die Pflege, für Seelsorge oder Nachbarschaft. Es gilt auch für unsere Gemeinden. Wer alt wird, krank wird oder trauert, braucht nicht zuerst perfekte Worte. Sondern Menschen, die bleiben. Nicht immer können wir heilen. Nicht immer haben wir Antworten. Aber wir können bleiben. Und manchmal ist genau das das größte Geschenk.