Ehrliche Gottesbeziehung – ohne jede Schau

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Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern

Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern gegen Heuchelei

Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Lukas 18,9–14

Die Köpfe gesenkt, die Arme über die Schultern gelegt, so stehen Felix Nmecha, Jonathan Tah und Spieler aus Curaçao am Mittelkreis nach dem ersten WM-Spiel gegen die deutsche Mannschaft. Sie beten. Auf den ersten Blick könnte ich mich als Mitchrist darüber freuen, dass Gebet für Millionen Zuschauer sichtbar stattfindet. 

Doch der Theologe in mir zweifelt: Zu welchem Jesus beten die denn da? Und schnell entdecke ich, dass Felix Nmecha nicht nur gut fußballspielen kann, sondern auch in der evangelikalen Vereinigung „Ballers in God“ aktiv ist. Aufgefallen ist er mit hässlichen Kommentaren zu queeren Veranstaltungen. In dieser Art zu glauben, steht ein Jesus in der Mitte, der als König über alles herrscht und dem nur die Siege gebühren – auch die auf dem Fußballplatz. 

Für mich fehlt da ganz viel. Ich habe Bilder vor Augen und im Herzen, in denen Jesus Zachäus vom Baum holt, den Gelähmten aufrichtet, mit Sündern am Tisch sitzt und einen Aussätzigen berührt. Ich denke an die Sünderin, die Jesus vor dem Tod durch den aufgebrachten Mob rettet, indem er sagt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (Joh 8,7). Oder ganz fromm gesprochen: Ich kann an den Auferstanden nur als den Gekreuzigten glauben. 

Jesus lebt seine Gottesbeziehung authentisch. Er erhebt sich eben nicht über andere. Darin finde ich Orientierung. Auch die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner mit ihrem je eigenen Gebet ermutigen mich zur Glaubwürdigkeit. Sicherlich gelingt es nur selten, dass ich genauso handele, wie es meinen Glaubensüberzeugungen entspricht. Aber ich finde, mit dem Vorbild des Zöllners setzt Jesus den Minimalstandard: Halte dich nicht für was Besseres, sondern bleib auf dem Boden deines Lebens. 

Dann freue ich mich daran, wie andere ihr Christsein auf und neben dem Fußballplatz verkörpern. Kylian Mbappé etwa, französischer Superstar, der seinen katholisch geprägten Glauben nicht zur Schau stellt. Dafür postet er regelmäßig für Mensch­lichkeit und gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Die französiche Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen fürchtet diese Wirkmächtigkeit, buchstäblich wie der Teufel das Weihwasser.

Max von Egidy, Dekan in Bad Windsheim und Uffenheim

Gebet: Gott, ich weiß, ich bin nicht der tollste Christ. Und auch sonst gelingt mir manches nicht. Manchmal fühle ich mich am Rand und weiß nicht gut weiter. Bitte hilf, dass ich authentisch mein Leben führen darf.

Lied (083): „Meine engen Grenzen“