Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Inge Wollschläger
Seit einiger Zeit mache ich ziemlich regelmäßig Sport. Dabei kann man vortrefflich nachdenken. Zum Beispiel über die Frage, ob und wie sich dieses Investment in den Körper auszahlt – jenseits der Muskeln. Ich kann einen Vertrag im Fitnessstudio abschließen und die schickste Sportuhr besitzen. Aber niemand kann für mich die Hantel heben oder den Kilometer laufen. Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit muss ich mir selbst erarbeiten.
Ähnlich ist es mit dem Wissen. Ich kann ein Buch kaufen, aber nicht das Gelesenhaben. Informationen lassen sich heute in Sekunden finden und zusammenfassen. Aber wenn daraus eigenes Wissen werden soll, muss ich mich damit beschäftigen. Gedanken müssen durch den Kopf, manchmal auch durchs Herz, sich mit Erfahrungen verbinden, dürfen irritieren und vielleicht sogar die eigene Meinung verändern. Das braucht Zeit.
Vieles davon geschieht im Stillen. Ein Mensch sitzt mit einem Buch da. Einer läuft seine Runde. Eine andere hebt Gewichte. Jemand denkt lange über etwas nach. Von außen sieht das wenig spektakulär aus. Und doch verändert sich etwas.
Vielleicht mag ich auch deshalb das Training so gern. Wenn es anstrengend wird und der Körper sehr unmissverständlich meldet, was noch geht und was nicht, bin ich unmittelbar bei mir selbst. Andere können mich begleiten und ermutigen. Tun muss ich es selbst. Dieses Selbstinvestment bezahlen wir mit einer unserer kostbarsten Währungen: Zeit.
Und daraus entsteht etwas, für das ich ein wunderbares altes Wort mag: Vermögen. Nicht das auf dem Konto. Sondern im Sinne von: Ich vermag etwas. Ich kann heute etwas, was ich gestern noch nicht konnte. Ich weiß etwas, was ich früher nicht wusste. Vielleicht halte ich auch einen anderen Gedanken neben meinem eigenen besser aus.
Vielleicht ist diese stille Arbeit an uns selbst sogar eine winzige Form von Friedensarbeit. Nicht weil Sport oder Bücher automatisch bessere Menschen aus uns machen. Aber weil Horizonterweiterung und Selbstkenntnis uns geduldiger machen können – mit uns selbst und vielleicht auch mit anderen.
Man sieht einem Menschen all die Stunden nicht an, die er in sich investiert hat. Aber irgendwann merkt man – zunächst selbst, dann vielleicht andere – was er vermag.


























