Die Schätze von Heltau

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Andreea Manastirean und Wieland N. Köber in Hermannstadt. Foto: Borée
Andreea Manastirean und Wieland N. Köber in Hermannstadt. Foto: Borée

Wo in Siebenbürgen aus Geschichte auf Menschlichkeit trifft – und Zukunft gewinnt

Der Schatz von Heltau war jahrhundertelang verborgen. Irgendwo in den mächtigen Mauern der Kirchenburg soll sich eine geheime Kammer befunden haben – zu öffnen nur mit einem verborgenen Mechanismus. Heltau, rumänisch Cisna˘die, liegt neun Kilometer südlich von Hermannstadt (Sibiu). Die Stadt wurde im Mittelalter von Siebenbürger Sachsen geprägt und zählt heute rund 20.000 Einwohner. 

Ihr eigentlicher Schatz aber ist deutlich sichtbar: in den 32 Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und 14 Jahren, die jeden Nachmittag nach der Schule in die „Arche Noah“ kommen. Viele leben in Familien, die mit sozialen Belastungen zu kämpfen haben. Die Einrichtung bietet ihnen einen geschützten Ort für einige Stunden – und oft mehr als das.

Unterstützung für beide Orte kommt von derselben Adresse in Hermannstadt: Wieland N. Köber leitet seit 2001 das Diakonische Werk und arbeitet seit 2011 zusätzlich für die Stiftung Kirchenburgen. Zwei Büros, ein Raum – und zwei Aufgaben, die um dieselbe Aufgabe kreisen: Menschen und Geschichte zu bewahren, wie sich bei einer Reise nach Siebenbürgen entdecken ließ.

Verantwortung für Morgen 

Heltau war einst eine wohlhabende Handelsstadt. Bereits 1425 ließ die Gemeinde eine Turmuhr anschaffen – ein Zeichen von Wohlstand und Selbstbewusstsein. Zugleich war die Stadt immer wieder Angriffen ausgesetzt. Deshalb wurde die Kirche zu einer wehrhaften Kirchenburg ausgebaut. Ihre Mauern sollten Menschen und ihre Habe schützen.

Und ebenso wertvolle Altäre aus anderen Kirchen der Region: Die Kirchenburg wurde so zu einem Ort, an dem bewahrt wurde, was einer Gemeinschaft wichtig war. Warum nicht auch ein Schatz?

Heute wäre er sehr nötig – allein schon als Grundstock für die Zukunft in der „Arche Noah“. Nach der Schule wartet auf die jungen Menschen ein warmes Mittagessen. Danach werden Hausaufgaben gemacht, gelernt und gespielt. Die Mitarbeitenden helfen, wenn es Schwierigkeiten in der Schule gibt und bieten eine tragfähige Gemeinschaft als Zufluchsort. Sie unterstützen bei der Körperpflege und vermitteln bei Bedarf psychologische Begleitung. Auch während der Ferien bleibt die Gemeinschaft bestehen: bei Ausflügen, Aktionen und gemeinsamen Mahlzeiten. So haben die jungen Menschen einen sicheren Ort, an dem sie kontinuierlich Sicherheit, Gemeinschaft und Aufmerksamkeit finden. 

„Wir möchten den Kindern die Gewissheit vermitteln, wertvolle Menschen zu sein“, lautet das Ziel der Einrichtung. Der Satz klingt schlicht. Doch er beschreibt ziemlich genau, worum es geht: nicht nur um Betreuung, sondern um Anerkennung, Verlässlichkeit und die Erfahrung, gebraucht zu werden.

Vier hauptamtliche Mitarbeitende tragen die Arbeit. Die Leiterin ist zugleich Lehrerin, ein weiterer Lehrer übernimmt Hausmeisteraufgaben. Dazu kommen eine Buchhalterin und eine Köchin. Ehrenamtliche helfen mit. Die Stadt stellt Räume zur Verfügung und beteiligt sich an der Finanzierung. Eine Bäckerei spendet an drei Tagen in der Woche Brot. Die evangelische und orthodoxe Kirchengemeinde vor Ort bündeln ihre Kräfte für das Projekt. Auch aus der Ferne kommt notwendige Unterstützung: von einer Stiftung in Kassel-Wilhelmshöhe unter Leitung von Marianne Dithmar, die inzwischen Ehrenbürgerin Heltaus ist.

Spuren der Vergangenheit

Diese Verbundenheit über Grenzen hinweg hat in Heltau eine lange Geschichte. Auch die Geschichte der Siebenbürger Sachsen hat ihre Spuren in der Stadt hinterlassen. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Siebenbürgen zu Rumänien. Die Zwischenkriegszeit war von politischen Spannungen geprägt. Im Zweiten Weltkrieg geriet Rumänien zunächst an die Seite der Achsenmächte. Im August 1944 wechselte das Land die Seite. Für die deutsche Minderheit, damals noch rund 900.000 Menschen, folgten schwere Jahre. Viele Siebenbürger Sachsen wurden nach 1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjet­union deportiert, andere flohen.

In den 1970er-Jahren ermöglichte die damalige Bundesregierung vielen die Ausreise und zahlte dafür Abschlagszahlungen an das kommunistische Regime Rumäniens. Bis 1989 schrumpfte die Zahl der Siebenbürger Sachsen auf etwa 350.000. Nach dem damaligen politischen Umbruch verließen weitere Hunderttausende das Land. 

Die Familie von Wieland N. Köber blieb. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers und ausgebildeter Buchhalter verbindet er kirchliche Tradition mit Verwaltungserfahrung. Nach dem EU-Beitritt Rumäniens 2007 veränderten sich die Strukturen seiner Arbeit und er betreut nun zusammen mit Andreea Ma˘na˘stirean die Stiftung Kirchenburgen. 

Geblieben sind natürlich die historischen Bauten – und eine Gesellschaft, in der Rumänen, Roma und Ungarn miteinander leben. Dass die Stiftung Kirchenburgen e. V. und das Diakonische Werk unter einem Dach liegen, ist sicher mehr als ein Zufall. Die Kirchenburgen erzählen von einer Gemeinschaft, die sich in unsicheren Zeiten schützen musste. Die Diakonie stärkt Menschen, die heute Unterstützung benötigen. Jugendliche über 14 Jahren werden beim Übergang in die Ausbildung unterstützt: So sollen sie eine Perspektive für das eigene Leben finden.

Es hilft auch an anderen Stellen. In Hermannstadt unterstützt es beispielsweise eine Frau mit Multipler Sklerose vierteljährlich mit Medikamenten und Pflegehilfsmitteln, weil ihre Rente dafür nicht ausreicht. „Eine Pflegeversicherung wie in Deutschland gibt es nicht“, so Köber. So zeigt sich Verantwortung oft in konkreter Hilfe für einen einzelnen Menschen.

Der bleibende Schatz

Ein solches Engagement schützt damit Menschen genauso wie einst die Kirchenburg. Anfang des 20. Jahrhunderts fand sich dort tatsächlich ein Versteck, wie geschaffen für einen Schatz – leider leer. Die Stadt hat jedoch einen anderen Schatz: Menschen, die füreinander einstehen.

So führt der Blick zurück auf die Kirchenburg am Ende wieder nach vorn. Die „Arche Noah“ zeigt, dass schützende Mauern heute nicht aus Stein bestehen müssen. Manchmal sind es Menschen, die einander
Halt geben. Der Schatz von Heltau braucht deshalb keine geheime Kammer. Er lebt dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen – sichtbar, mitten in der Stadt.

Mehr deutschsprachige Infos online unter https://kirchenburgen.org sowie unter https://hermannstadt.evang.ro/diakonie/

Deutsches Spendenkonto zugunsten der Stiftung „Schülertagesstätte Arche Noah“, Kasseler Sparkasse, IBAN: DE21 5205 0353 0002 1115 44, BIC: HELADEF1KAS

Konto des Fördervereins der Stiftung Kirchenburgen e. V. in Deutschland: IBAN: DE37 3506 0190 1566 3690 16, BIC: GENO DED1 DKD