
Bayerischer Pfarrer wurde Augenzeuge der Katastrophe in Nepal – und spontaner Helfer
Er wollte in Nepal Waisenkinder besuchen, mit ihnen singen und spielen. Stattdessen kam er zu einem spontanen Hilfseinsatz in den von einer Flutwelle zerstörten Region in Nepal. Johannes Matthias Roth, Pfarrer der bayerischen Landeskirche aus Nürnberg wurde zu einem Teil eines privat organisierten Hilfseinsatzes.
Kathmandu. „Man sieht im Tal nur zerstörte Dörfer, Leichengeruch liegt in der Luft, die Menschen haben unendlich viel verloren“, berichtet der Nürnberger Pfarrer und Liedermacher Johannes Matthias Roth aus dem Katastrophengebiet in Nepal.
Es war schon langfristig als erneuter Patenkind- und Sponsorenbesuch in Nepal bei „Blütenherzen Kinderhilfe e.V,“ geplant: „Mit den 25 Heimkindern in der Millionenmetropole Kathmandu wollte ich Fußball spielen, singen, feiern, Gitarren- und Schwimmunterricht geben.
Doch dann kam alles anders!“, berichtet der sozial engagierte Pfarrer: „Ich war noch bei Kirchengemeinden in Thailand unterwegs, dann gab es die ersten Bilder der Todeswelle in Nepal. Ein riesiger Felsgletscherabriss auf 5.000 Meter Höhe im Himalaya löste die Katastrophe aus. Dies führte zum Bersten eines Staudamm, dann zu einer bis zu 15 Meter hohe Flutwelle aus Eis, Schlamm, Fels, die Menschen, Häuser, Reisplantagen auf über hundert Kilometer bis hinein nach Indien vernichten sollte.“
Spontane Hilfe ermöglicht
Am nächsten Tag flog Roth wie geplant nach Kathmandu. „Trotz herzlicher Begrüßung am Flughafen und im Heim bei den Kindern war überall die bedrückende Stimmung zu spüren.“ Ein Thema beherrschte alles, sei es im Fernsehen oder den Social-Media-Kanälen: Das Desaster in den Tälern nahe der tibetisch-chinesischen Grenze. Die verheerende Sturzflut soll laut nepalesischen Quellen weit über 10.000 Menschen zum Opfer gefallen sein, berichtet Roth. (Anmerkung der Redaktion: Die offizielle Zahl lag bei Redaktionsschluss bei 1.300 Tote und 5.000 Vermissten.) China soll die Zahlen extrem niedrig halten, heißt es in Nepal.
Wissenschaftler sehen die Hauptschuld der Katastrophe bei China. Rücksichtsloser Raubbau an der Natur durch Straßen-, Tunnel- und Kraftwerkebau der Chinesen im Himalaya sei die wahre Ursache, so Roth. „Nepal ist mit seiner neuen Regierung seit Jahren ein Sandwich–Entwicklungsland zwischen den großen Nachbarn Indien und China“, meint der Pfarrer, der öfter in Nepal ist.
„Aber nur zu posten: ,Betet für Nepal!‘, reicht uns nicht. ,Wir müssen etwas tun, sammeln, planen und hinfahren‘, war der feste Entschluss der Heimleiterin Prajola und mir“, schreibt der Pfarrer. „So viele Kinder haben Eltern verloren, ganze Existenzen sind auf Jahre vernichtet.“
Ein erster Besuch im Katastrophengebiet wurde schnell ermöglicht. Durch gute Kontakte kamen Roth und die kleine Gruppe von Helfern mit einem Regierungsauto bis ans Ende der befahrbaren Route im Galchi-Dhading-Tal. Etwa zwei Stunden von Kathmandu und 50 Kilometer von der tibetisch-chinesischen Grenze. Dann ging es nicht weiter. Immer noch waren Straßen überschwemmt, die Brücken zerstört.
„Überlebende sitzen völlig traumatisiert vor den Resten Ihrer Häusers: Männer zeigen uns was übrig blieb, allein hier an dieser Stelle fehlen etwa 30 Häuser“, beschreibt der zum spontanen Helfer gewordene Pfarrer. „Die Menschen reden“, so Roth, „aber der Schrecken die Monsterwelle gesehen zu haben, davongekommen zu sein und gleichzeitig liebe Menschen zu vermissen, ist ihnen ins Gesicht geschrieben.“ Und er beschreibt was sie erleben: „Die Luft: ist erfüllt mit Leichengeruch; wir stehen sprachlos im zu Beton gewordenen Schlamm, und haben Tränen in den Augen.“ Von Hilfsmaßnahmen war nichts zu sehen. Ab hier sind die Menschen ganz und gar auf sich selbst gestellt.
Zeuge der Zerstörung
Näher an der tibetischen Grenze, wo die Zerstörung noch viel gewaltiger war und die Flut alles mitgerissen hat, sind Hubschrauber im Einsatz. Die Piloten fliegen bis zur Erschöpfung. Ein Sanitätsauto steht auffällig lang da: „Wir fragen nach. Im Auto liegt ein Opfer, so heißt es, Räucherstäbchen brennen, nur dieses Opfer konnte aus einem Bus im Schlamm geborgen werden, von 60 oder 70 Personen, die wohl nie gefunden werden.“
„Wir verharren unten am breiten immer brauen Todesfluss eine Weile, niemand spricht. Oben an der Strasse spreche ich eine Mutter mit ihrem Kind an: Das war mein Shop, sagt sie traurig“ berichtet Roth. „Die Welle hat auch hier oben an der Straße
bis auf einen Meter Höhe alles zerstört.“ Und weiter: „Wir unterstützen die Frau mit dem was wir dabei haben und versprechen wiederzukommen.“
Unterwegs sehen die spontanen Helfer auf Social Media einen Schulleiter, der fast tausend Schüler rettete, weil er ohne auf offizielle Anordnung die Schule in Sekunden evakuierte. Daneben ein Millionär, der Familie, Besitz und Boden verloren hat. „Wir sehen mit eigenen Augen wie die Militärpolizei einen Überlebenden nach vier Tagen birgt und in einen Jeep legt.“
„Zurück in Kathmandu machen wir uns sofort an die Planung, wir wollen mit Spendenaufrufen und Bildern der Katastrophe Kontaktpersonen ins Boot holen. Gott sei Dank gehen von lieben Freunden Spenden ein, unser Projekt, unsere Motivation bekommt Flügel“, so Roth.
Die Heimleiterin verbringt Stunden mit Telefonieren, um alle Wassefilter in der Region zusammenzuholen. Sie lässt alle Kontakte in der Hauptstadt spielen und der gecharterte Bus wird gefüllt mit Hilfsgütern und weiteren Helfern aus Krankenhaus-Branche und Media-Film. Alle anderen Vorhaben mit den Kindern oder Erholung fallen aus – wir wollen helfen. Erneut geht es dann eine Stunde durch den Strassendschungel von Kathmandu.
Die Stimmung im Bus wird wieder gedrückt als der Hilfsbus eine weitere Flutregion, im Gajuri-Dhading-District erreicht: Schon bald versammeln sich etwa einhundert Dorfbewohner für die von der Regierung etwa 20 Meter oberhalb der verwüsteten Dorfstraße eine Zeltstadt errichtet wurde: Es ist ein überaus herzlicher Empfang. „Wir leeren gemeinsam den Bus, verteilen Wasserflaschen und Kleidung, Familien werden registriert, notiert.“ Der Reihe nach verteilen Roth und seine Mitstreiter nun die Wasserfiltersysteme made in Nepal.
„Dann fällt auf einmal der Name Maya Nepali. Mich reißt es. Maya bedeutet Liebe und Nepali ist klar“, beschreibt der Liedermacher seine Überraschung. „Ich gehe ihr nach und sage ihr, wie wunderbar ihr Name sei. ‚Das ist meine Mutter. Ich heiße Shanti Nepali – Friede‘, sagt sie. Und ich muss sie einfach umarmen und habe Tränen in den Augen.“



























