Andacht im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern zu einem Austausch unter frühen Christen
Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
2. Timotheus 1,7–10
Wie der junge Timotheus wohl auf die Briefe seines Mentors Paulus reagiert hat? Vielleicht hat er ihm sogar zurückgeschrieben. Falls es so war: Erhalten geblieben sind diese Briefe nicht. Der Predigtimpuls heute aber macht den Versuch, eine Antwort zu schreiben:
An Paulus, meinen geschätzten geistlichen Vater, danke dir für den Brief und die Ermutigung! Wie gerne wäre ich jetzt bei dir; dann könnten wir über alles sprechen und ich würde Dir mein Herz ausschütten.
In deinen Zeilen spüre ich, dass du dir Sorgen um mich machst. Da liegst du richtig. Ein Geist der Angst und Verzagtheit hat mich gepackt. Ich kann nicht verstehen, warum Gott es zulässt, dass du so lange im Gefängnis sitzen musst. Was ist, wenn sie dich zum Tode verurteilen? Den Gedanken daran halte ich nicht aus!
Persönlich läuft es gerade auch nicht gut. Ich werde oft dafür angegriffen, dass ich Christ bin und eine leitende Rolle in der Gemeinde habe. Du schreibst, dass Gott uns einen Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit gegeben hat. Ich spüre momentan leider so wenig davon! Wie gerne wäre ich stark – und bin doch oft so feige und schwach. Wie gerne wäre ich voller Liebe – dabei überwiegt gerade der Groll über all das, was Gott mir zumutet und was ich nicht verstehe, und die Wut auf Menschen, die mir das Leben schwer machen. Wie gerne wäre ich besonnen – werde aber oft von Gefühlen und Ereignissen überwältigt, denen ich mich nicht gewachsen fühle. Es fällt mir schwer, gelassen zu bleiben.
Paulus, wie muss es da erst dir ergehen? Aber du schreibst von Vertrauen. Du schreibst, dass du bereit bist, für das Evangelium zu leiden. Wahrscheinlich bin ich noch zu jung, um das in der Tiefe zu verstehen und akzeptieren zu können. Und doch ahne ich, dass du recht hast: Gott gibt seine Kraft nicht nur, um aus einer schweren Situation möglichst schnell herauszukommen, sondern er gibt sie oft auch, damit wir standhaft bleiben können und die Verbindung zu unserem Herrn Jesus Christus nicht verlieren.
Ich weiß schon, was du mir sagen würdest: „Schau nicht so sehr auf dich und deine Lebensumstände. Schau zu dem, der dich gerettet und berufen hat. Erinnere dich: Du gehörst zu ihm, nicht weil du so ein heldenhafter Kerl bist, sondern weil dir seine Gnade gilt. Diese Berufung geht nicht verloren. Höre es noch einmal neu: Christus hat den Tod besiegt und ein unvergängliches Leben ans Licht gebracht hat. In diesem von Christus geschenkten Leben rede, schweige, weine, entscheide, sei schwach, hadere und fasse neuen Mut, trauere und vertrau aufs Neue.“
Lieber Paulus. Während ich dir diese Zeilen schreibe, merke ich, wie Gottes guter Geist wieder Raum in mir zurückgewinnt. Dieser Heilige Geist gebe mir die Kraft, mit Christus verbunden zu bleiben. Durch ihn bin ich doch auch mit dir verbunden, über die weite Entfernung hinweg. Ich hoffe, wir sehen uns bald. Dein Timotheus.
Pfarrerin Christina Hirt in Grötzingen, Dekanat Nürtingen



























