Alles gelassen sehen – ohne gleichgültig zu sein

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Chefredakteurin Susanne Borée, Hintergrundbild von Erich Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Chefredakteurin Susanne Borée zum Michaelistag

Gelassenheit – davon könnte ich gar nicht genug bekommen. Nicht erst für die großen Krisen. Es reichen schon die „Mühen der Ebene“: die offenen Fragen, die vielen kleinen Entscheidungen eines ganz normalen Tages. Was wird die Zukunft bringen – für mich, für meine Umgebung und darüber hinaus?

Zum Michaelistag liegt eine Antwort nahe: Vielleicht helfen ja die Engel: Der allgegenwärtige pausbackige Schutzengel. Der kämpferische Erzengel Michael. Himmlische Kräfte, die mal schnell eingreifen, wo wir hilflos sind!

Schön wäre es, wenn es so einfach ginge: Doch Engel sind in der Bibel keine himmlische Versicherung gegen alles, was uns passieren kann. Sie bewahren Menschen nicht vor Leid und Niederlagen. Aber sie erzählen von einer Wirklichkeit, die größer ist als das, was wir sehen und kontrollieren können. Und Michael steht für die Hoffnung, dass dem Unheil nicht das letzte Wort gehört.

Das passt erstaunlich gut zu Kohelet. Der Predigerbrief – eines der rätselhaftesten und zugleich ehrlichsten Bücher der Bibel – beginnt mit einer kalten Dusche: „Es ist alles ganz eitel“ (Koh 1,2). Selbst die größte Hast, all die Betriebsamkeit, die quälenden Ängste führen allzu oft ins Leere. 

Wir haben keine Ahnung, welchen Herausforderungen wir Morgen begegnen. Denn wir haben noch nicht einmal die Zeit im Griff. Nicht wir geben ihr den Takt vor – sie trägt uns durch die Jahreszeiten des Lebens: „Alles hat seine Zeit“ (Koh 3,1ff.) – im Wellenschlag von Beginnen und Aufhören.  

Dennoch hat Kohelet uns den Tisch gedeckt: „Geh hin und iss dein Brot mit Freude und trink deinen Wein mit gutem Mut“ (9,7). Das ist keine Sorglosigkeit, sondern wendet sich gegen lähmende Bedrohung: Vielleicht hat sich da ein Engel selbst zum Mahl eingeladen. 

Er nimmt uns die Unsicherheiten nicht ab. Aber er kann uns daran erinnern, dass wir nicht alles selbst tragen müssen. Trotz allem Gegenwind: Wir werden nicht untergehen. Wir dürfen den nächsten Schritt wagen. Und dies, ohne zuvor auf allerlei Unwägbarkeiten zu starren, die uns nur lähmen: „Wer auf den Wind achtet, wird nicht säen, und wer auf die Wolken schaut, wird nicht ernten (Koh 11,4).“ 

Der Erzengel Michael ist nicht nur ein zäher Ringer, sondern führt auch unser Buch des Lebens, um am Ende alle unsere Taten aufzuwiegen – so alte Geschichten. Schrecklich? Nur dann, wenn wir nicht vertrauen, dass das Ende gut sein wird.