Franziskus – Freund oder Feind Luthers?

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M. de la Cruz Vázquez: Himmelfahrt des Franziskus aus der Franziskus-Basilika Madrid/J. M. Rottmayr: Das Sterben des Franziskus, um 1689, im Franziskanerkloster Salzburg. Fotos: Borée/Kral (© Dommuseum Salzburg)
M. de la Cruz Vázquez: Himmelfahrt des Franziskus aus der Franziskus-Basilika Madrid/J. M. Rottmayr: Das Sterben des Franziskus, um 1689, im Franziskanerkloster Salzburg. Fotos: Borée/Kral (© Dommuseum Salzburg)

Vom Streit um Frömmigkeit und religiöse Freiheit zur neuen Suche nach dem Mann aus Assisi

Seit Jahrhunderten wartet Franziskus am Himmelstor. So ein Witz Martin Luthers bei einer seiner Tischreden, die Konrad Cordatus aufzeichnete. Warum, fragte der Reformator, kommt der Heilige nicht hinein? Die Antwort: Franziskaner müssen immer zu zweit unterwegs sein – und Franziskus findet keinen Mitbruder aus seinem Orden, der ihn ins Paradies begleitet. So überliefert es Nicole Grochowina in ihrem Aufsatz über das Verhältnis von Reformation und Franziskanern. 

Dieser bittere Spott bringt das Franziskus-Bild der Reformation auf den Punkt. Luther bewunderte den Mann aus Assisi durchaus. Er sah in ihm einen Menschen, der Christus ernsthaft nachfolgte und „durch den Geist Gottes“ brannte. Und: Gerade deshalb nahm er den Orden ins Visier. 

Was heißt „wahre Armut“?

Dabei traf Luthers Kritik auf einen Orden, der schon lange mit sich selbst rang. Die Frage lautete: Wie viel Franziskus steckte noch im Franziskanerorden? Der Heilige hatte Armut, Gehorsam und die unmittelbare Nachfolge Christi betont. Seine Nachfolger aber lebten in wohlhabenden Klöstern, als gefeierte Dozenten an den Unis und einflussreiche Prediger oder Seelsorger. 

Immer noch stritt der Orden erbittert über die Umsetzung dieser Ideale. Für ihn hätte 1517 ein Jahr des Aufbruchs werden können. Im Mai vollzog Papst Leo X. die Trennung zwischen dem strengen und dem gemäßigten Zwei der Franziskaner. Jede Region, jede Ordensprovinz musste dies dann praktisch vollziehen und einen Ausgleich zwischen den Interessen finden. Nicht einfach, auch ohne Luthers Thesenanschlag.

In Sachsen gab es damals rund 80 franziskanische Klöster – meist gemäßigt reformorientiert ausgerichtet. Nach langen internen Diskussionen versuchten sie sich in einem offenen Disput noch einmal an einer Lösung: am 3. und 4. Oktober 1519 – und ausgerechnet in Wittenberg. 

Doch da mischten sich die Reformatoren lautstark ein. Sie weiteten die Dispute zu einer Grundsatzdebatte über die Nachfolge Christi aus: Ist ein Leben nach Gelübden, in Gehorsam gegenüber der Klosterregel und in Askese wirklich gottgefälliger? Wenn dies nicht sowieso heuchlerisch sei, so Luther, dann würde damit die befreiende Botschaft des Evangeliums herabgesetzt. Aus gutem Grund habe er selbst ein Kloster verlassen. 

Und wahre Armut entschied sich im Herzen, nicht am Umfang des Besitzes. Für Luther konnte deshalb das Leben des Laien mitten in der Welt und seiner Mühen gegenüber dem Leben hinter Klostermauern keineswegs unterlegen sein. 

Auch die hohe Verehrung des Franziskus kritisierte Luther: Seine Nachfolger hätten die Ordensregel an die Stelle des Evangeliums gesetzt und aus ihrem Ordensgründer beinahe einen „zweiten Christus“ gemacht – anstatt das einmalige Wirken des Gottessohnes zu würdigen. 

Da geriet besonders die Stigmatisierung des Armen aus Assisi ins Visier: Wer konnte noch glauben, dass dieser in einer mystischen Schau tatsächlich die Wunden Christi empfangen hatte? „Betrug“, schrien einige Reformatoren. Andere erklärten die Wunden weit prosaischer – als Verletzungen, die Franziskus bei einem Kampf erlitten haben könnte.

Kloster als Auslaufmodell?

Die Kritik blieb nicht abstrakt. Sie warf Lebenswege um: Johann Eberlin von Günzburg (1470–1533) etwa, selbst Franziskaner, wollte zunächst seinen Orden von innen heraus zu reformieren. Unter dem Einfluss Luthers verließ er sein Kloster, wirkte nun als Prediger der Reformation und hei­ratete 1524. Vehement versuchte er seine Mitbrüder zu überzeugen, es ihm gleichzutun. Oft eckte er dabei an – und musste immer weiterziehen. Er starb als Pfarrverweser in Leutershausen bei Ansbach. 

In Wittenberg stand das Franziskanerkloster 1527 leer. Doch andere widersetzten sich. In Nürnberg verteidigte die humanistisch hoch gebildete Äbtissin Caritas Pirckheimer (1467–1532) ihren Klarissenkonvent – aus dem weiblichen Zweig der franziskanischen Bewegung. Die Reichsstadt hatte 1525 die Reformation angenommen und wollte ihre Klöster auflösen. Nur eine Nonne verließ das Klarissenkloster trotz des massiven städtischen Drucks. Zwar sollte es nun keine Neuaufnahmen mehr geben, doch Caritas erreichte, dass der Konvent bis zum Tod der letzten Klarissin 1596 bestehen blieb.

Nun verschwand Franziskus im Protestantismus lange aus dem Blick. Sie nahmen kaum mehr wahr, dass es in der katholischen Welt niemals zuvor so viele Franziskaner gab wie in dieser Zeit. Und dass sie besonders ihren Ordensgründer noch mehr als zuvor christusgleich verehrten (vgl. die Bilder oben). Erst die romantische Mittelalterbegeisterung entdeckte Franziskus als „vorreformatorischen“ Erneuerer, der zum einfachen Evangelium und zur persönlichen Glaubenserfahrung zurückkehren wollte.

Jenseits der alten Fronten

Der calvinistische Pastor und Historiker Paul Sabatier (1858–1928) entdeckte, dass es vor Bonaventura frühe Texte von und über Franziskus gegeben hatte. In seiner Franziskus-Biografie von 1894 bewertet er erstmals die alten Quellen historisch-kritisch. Zwar unterliefen ihn bei manchen Datierungen Detailfehler, doch nähere er sich Franziskus neu. 

Und er deutete ihn neu: Die Frömmigkeit und religiöse Freiheit sowie die Schöpferkraft des Franziskus stellt Sabatier der Institution Kirche gegenüber. Wegen vieler Widerstände habe der Mann aus Assisi nicht alles verwirklichen können, was er wollte. Aber ohne ihn „wäre das Schifflein der Kirche vielleicht gekentert“. 

Die katholische Seite setzte das Buch sofort auf ihren Index. Doch nun begannen neue historische Forschungen zu dem Mann aus Assisi. Schließlich brachten Franziskaner selbst eine kritische Edition der Schriften ihres Ordensgründers heraus. 

Vielleicht sitzt Franziskus deshalb noch immer am Himmelstor: nicht, weil er keinen Mitbruder zum Eintreten findet, sondern weil jede Epoche einen anderen Franziskus mit sich hinaufnehmen will – den Heiligen, den Reformer, den Mystiker, den „Proto-Protestanten“. Er entzieht sich allen Einordnungen – vielleicht, weil er selbst noch unterwegs ist – auf einem „Weg, den nur die Gehenden begreifen“. So der Dichter Reinhold Schneider, der im Glauben Widerstandskraft gegenüber dem Dritten Reich fand, über Franz von Assisi.

– Nicole Grochowina: Franziskaner – Reform und Reformation im frühen 16. Jahrhundert. Im Ausstellungskatalog des Dommuseums Salzburg „Lebenskunst. 800 Jahre Franz von Assisi“; ISBN 978-3-901162-32-9; 440 S.; 42 Euro.

– A. Vauchez: Franziskus von Assisi. Geschichte & Erinnerung, Münster 2019, 456 S., ISBN 978-3-402-13244-9; 456 S.; 24,80 Euro. 3. Teil: Bilder & Mythen