Unser täglicher Dank

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Inge Wollschläger im Editorial für das Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern

Editorial von Inge Wollschläger im Evangelischen Sonntagsblatt zum Erntedank

Ich bin neulich in den Sozialen Netzwerken bei einer Idee hängen geblieben. Eine junge Frau hat sich vorgenommen, regelmäßig Menschen zu besuchen, die im Alltag eher selten ein großes Dankeschön bekommen. Sie bringt dabei eine Kleinigkeit mit, manchmal etwas Selbstgebackenes oder einen kleinen Geschenkkorb mit Süßigkeiten und sagt damit einfach: Danke. 

Bei der Feuerwehr war sie schon. Bei Bauarbeitern, die seit Wochen ihre Straße aufgraben. In einer Schule. Menschen also, die ihren Job machen. Oft selbstverständlich, meist ziemlich unbemerkt. Und ich dachte: Was für eine schöne Idee. Nicht unbedingt wegen der Muffins. Man muss ja nun nicht gleich anfangen, für die Müllabfuhr dreistöckige Torten zu backen. Aber dieses bewusste Hinschauen gefällt mir. Denn Gelegenheiten zum Danken gibt es erstaunlich viele.

Der Verkäuferin, die trotz langer Schlange freundlich bleibt. Dem Busfahrer, der noch einmal wartet, obwohl man angerannt kommt wie ein aufgescheuchtes Huhn. Der Arzthelferin, die irgendwo doch noch einen Termin findet. Dem Menschen am Telefon, der wirklich zuhört. Der Nachbarin, die ein Paket annimmt. Oder jemandem, der jeden Morgen dafür sorgt, dass etwas funktioniert, über das wir uns erst Gedanken machen würden, wenn es plötzlich nicht mehr funktioniert. Vielleicht ist Dankbarkeit ge­­nau das: wahrnehmen, was nicht selbstverständlich ist.

Erntedank erzählt seit Jahrhunderten davon. Ursprünglich sehr handfest: Die Ernte ist eingebracht. Es ist genug da. Danke, Gott. Und vielleicht können wir den Gedanken ein bisschen weiterziehen: 

Was ist in meinem Leben in diesem Jahr gewachsen? Wer hat etwas dazu beigetragen? Wer hat mir geholfen, mich getröstet, mich zum Lachen gebracht? Wer hat seine Arbeit gut gemacht und damit meinen Tag ein kleines bisschen leichter?

Wir leben in Zeiten, in denen der Ton rau geworden ist. Gemeckert ist schnell. Eine schlechte Bewertung ebenso. Was nicht funktioniert, fällt sofort auf. Vielleicht darf deshalb das andere ein bisschen lauter werden. Das Gute bemerken. Und es nicht nur denken.

Sondern sagen. Danke.

Am besten jemandem, der über­haupt nicht damit rechnet.