
Bei der Nacht der offenen Kirchen erinnerte St. Johannis an Paul Gerhardt
Würzburg. „Ohne Herz ist nichts. Mit Herz alles.“ Mit diesem Satz brachte Monique Marten einen der Gedanken des Abends auf den Punkt. In St. Johannis stand die „Nacht der offenen Kirchen“ ganz im Zeichen Paul Gerhardts: Zum 350. Todesjahr des Liederdichters gab es einen musikalischen Gang durch sein Leben, viele gemeinsam gesungene Lieder, vier Poetry-Slam-Texte und zum Abschluss festliche Orgel- und Bläsermusik.
An diesem Abend war Würzburg eine Stadt der offenen Kirchentüren. Man spürte es am Kommen und Gehen: Menschen zogen aus einer Kirche hinaus, machten sich auf den Weg zur nächsten, andere kamen mitten am Abend dazu. Und trotz dieses stetigen Wechsels entstand eine gute, lebendige Atmosphäre. Das Programm lud dazu ein, sich treiben zu lassen und immer wieder Neues zu entdecken.
So erklang in der Deutschhauskirche Gospel, bevor beim World-Café über Einsamkeit gesprochen wurde. In der methodistischen Christuskirche ging es um kirchliche Trauungen für schwule und lesbische Paare. Und in der Augustinerkirche öffnete sich ein ganz eigener Klangraum: Licht und experimentelle elektronische Musik des KLAUN Kollektivs schufen eine Atmosphäre zum Innehalten, Durchatmen und Meditieren. Drei sehr verschiedene Angebote – und doch gehörten sie zu derselben ökumenischen Einladung, Kirche neu zu erleben. kirchennacht-wuerzburg.de
Auch St. Johannis hatte sich etwas Besonderes ausgedacht. Um 19 Uhr begann der Abend mit einem musikalischen Gang durch Paul Gerhardts Leben. Inge Wollschläger erzählte, Kantorin Hae-Kyung Jung begleitete sie an der Orgel. Es ging um Kindheit und Elternhaus, Schule und Studium, um die langen Jahre ohne feste Pfarrstelle, um Gerhardts Ehe mit Anna Maria und seine Zusammenarbeit mit dem Kantor Johann Crüger.
Das war keine trockene Abfolge von Jahreszahlen, sondern eine Reise in die Gerhardtsche Welt. Auch die schweren Kapitel gehörten dazu: Krieg und konfessionelle Konflikte, der frühe Tod von vier seiner fünf Kinder und der Verlust seiner Frau. Gerade vor diesem Hintergrund klangen Gerhardts Lieder an diesem Abend nicht wie ein ungetrübtes Lob der schönen Welt. Sie erzählten auch von Vertrauen, Trost und der Suche nach Freude mitten in einem Leben, das nicht nur leichte Tage bereithielt.
Die Lieder waren Teil der Erzählung. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ führte vom Blick auf die sommerliche Natur weiter zu der Frage, wo Freude und Gottes Nähe zu finden sind. „Befiehl du deine Wege“ hielt eine besondere Überraschung bereit: Vier Strophen wurden in vier verschiedenen Melodien gesungen. Das klang ungewohnt und zugleich erstaunlich vertraut. Die Besucherinnen und Besucher sangen so kräftig mit, dass man vermuten durfte: Diese Melodien waren vielen längst im Ohr. Auch „Wie soll ich dich empfangen“, „Ich steh an deiner Krippen hier“ und „Nun ruhen alle Wälder“ fanden ihren Platz im Abend.
Um 20 Uhr wurde die Suche nach der Freude im Poetry-Slam „Geh aus, mein Herz und suche …“ in die Gegenwart weitergetragen. Diakon Timo Richter hatte für seine Slammerinnen humorvolle Anmoderationen parat. Und Inge Wollschläger trat nun als kleine Fee auf: Ein kurzer geistlicher Spruch, dann rief die ganze Kirche mit einem kräftigen „Halleluja“ – so wurde sie auf die Bühne geholt, um die Reihenfolge der Slammerinnen auszulosen. Das Publikum spielte begeistert mit; die Zurufe machten die ohnehin fröhliche Atmosphäre noch ansteckender.
Vier Frauen brachten ihre eigenen Gedanken auf die Bühne. Simone Adler aus Kitzingen, die mit der WSG Bädergalerie verbunden und in ihrer Freizeit als Lektorin tätig ist, erinnerte an die Kraft kleiner Gesten: „Vielleicht reicht heute schon ein Wort, das Hoffnung trägt von Ort zu Ort.“
Andrea Dehler, Leiterin der Würzburger Wärmestube, stellte die Frage: „Willst du wirklich immer höher, schneller, weiter?“ Ihr Gegenentwurf klang angenehm schlicht: „Vielleicht mal weniger reden und einfach mehr grüßen.“
Rosina Link hatte die weiteste Anreise. Die Jura-Studentin aus Berlin war gerade auf Verwandtschaftsbesuch in Würzburg. Ihr Text kreiste um das Suchen und darum, dass Freude vielleicht schon da sein kann, ehe man sie bewusst sucht: „Vielleicht habe ich Freude schon gefunden, bevor ich überhaupt auf die Suche danach gegangen bin.“
Monique Marten, Moderatorin von „Guten Morgen Mainfranken“ bei Radio Charivari, ließ Herz und Verstand miteinander diskutieren – wie ein altes Ehepaar, das sich gut kennt und trotzdem nicht immer einer Meinung ist. Ihr Herz behielt das Schlusswort: „Ohne Herz ist nichts. Mit Herz alles.“
Die Texte waren verschieden im Ton: mal nachdenklich, mal humorvoll. Gemeinsam war ihnen, dass sie Gerhardts Liedzeile nicht einfach wiederholten, sondern eigene Fragen daran knüpften. Was ist wirklich wichtig? Was hilft, wenn jemand eine Sorge hinter einem freundlichen „Mir geht’s gut“ versteckt? Und muss man die ganze Welt verändern – oder reicht manchmal ein Wort, ein offenes Ohr, ein Schritt zu zweit?
Zusammen ergaben die vier Beiträge ein kleines Panorama der Freude: Sie kann in einem Wort liegen, das Hoffnung weiterträgt, im bewussten Blick auf das, was wirklich zählt, oder in der überraschenden Einsicht, dass man vielleicht längst gefunden hat, wonach man noch sucht.
Um 21 Uhr nahm die festliche Orgel- und Bläsermusik den musikalischen Faden wieder auf. Das Blechbläserquartett BBQ Würzburg und Hae-Kyung Jung an der Orgel spielten Werke von Praetorius, Gabrieli, Bach, Peuerl, Fischer und Telemann. Auch Gerhardts „Geh aus, mein Her(t)z, und suche Freud“ erklang in einer Bearbeitung von Gottfried Fischer – ein passender musikalischer Gruß an den Dichter des Abends.
Eine Rückmeldung brachte die Stimmung auf den Punkt: Paul Gerhardt sei in St. Johannis eine „Sternstunde“ gewesen – „humorvoll, nachdenklich, persönlich, geistreich“. Und besonders gefreut habe, dass „um uns herum richtig gut gesungen“ wurde. So klang die Kirchennacht aus: mit alten Liedern, neuen Gedanken und vielen Stimmen, die Gerhardts Suche nach der Freude für einen Abend gemeinsam fortsetzten.


























