Die Blockaden überwinden

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Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus
Raimund Kirch, Mitglied im Herausgeberbeirat des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern. Hintergrundbild: Kraus

Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Raimund Kirch

Auf diesen Samstag, den 10. Oktober, fällt der Tag der seelischen Gesundheit: er leitet die gleichnamige Woche ein, die uns darauf hinweisen soll, dass Depressionen, Burnout und Erschöpfungszustände in unserer Gesellschaft noch immer nicht gebührend ernst genommen werden. Und dies, obwohl sie ja laut Statistik sogar auf dem Vormarsch sind. 

Und es stimmt ja auch: Kommt eine Kollegin oder ein Kollege mit dem Fuß im Gips zur Arbeit, darf mit Nachsicht und Bedauern gerechnet werden. Angstzustände und psychische Störungen werden hingegen von den scheinbar Gesunden verkannt, verharmlost, marginalisiert. 

Tage der seelischen Gesundheit sollen sensibilisieren und die Augen öffnen für Not­zustände, die sich auf dem ersten Blick hin nicht eindeutig offenbaren. Ich will an dieser Stelle die Kirche nicht als Heilsort in den Himmel loben. Wir wissen alle, dass es auch bei Kirchen Missbrauch, Vertuschung und Verharmlosung gibt. 

Aber wir haben in den Evangelien auch ganz wunderbare Beispiele von Heil und Heilung. Da ist zum Beispiel der Kranke am Teich von Betesda, der seit 38 Jahren vergeblich auf ein Wunder wartet, weil niemand ihn ins aufwallende Wasser trägt, das den Leidenden Gesundung verspricht. Jesus hingegen hat die Situation dieses Kranken erkannt, der wohl jegliche Hoffnung verloren und sich offenbar in sein Schicksal ergeben hat. Im Johannesevangelium (5,5–9), sagt Jesus nur: „Steh auf. Nimm dein Bett und geh!“ Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Bahre und ging. 

Ich sehe das so: Jesus weiß um die Verzweiflung, um die Blockaden und Ängste des Mannes. Er öffnet ihm die Augen und bedeutet ihm, nicht zu warten, bis ein Wunder geschieht. Denn, so erklärt es der psychologisch geschulte Benediktinerpater Anselm Grün, Heilung bedeute nicht immer, dass unsere neurotischen Symptome aufgelöst würden, sondern dass wir lernen müssen, mit ihnen umzugehen. 

Dass wir also manchmal selbst die Initiative ergreifen sollen, unser Bett einfach unter den Arm nehmen müssen, um zu einem bewussteren und freien Leben zu kommen. 

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass der ein oder andere Artikel dieser Nummer ein Stück weit zur seelischen Stärkung und Gesundheit beiträgt.  

Raimund Kirch, 

Mitglied im Herausgeberbeirat, Ex-Chefredakteur der NZ