Wenn aus Namen wieder Menschen werden

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Dr. Peter Mirau vom Würzburger Röntgen-Gymnasium berichtete in der evangelischen Seniorenbegegnungsstätte über zwei ehemalige Schüler, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Foto: Wollschläger
Dr. Peter Mirau vom Würzburger Röntgen-Gymnasium berichtete in der evangelischen Seniorenbegegnungsstätte über zwei ehemalige Schüler, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Foto: Wollschläger

Zwei ehemalige Würzburger Schüler und ihre Schicksale in der NS-Zeit

Es ist eine Geschichte, die mit einer frisch geputzten Treppe beginnt. Im Oktober 1938 betritt ein Mann ein Würzburger Wohnhaus und spuckt auf den Boden. Die Frau, die gerade geputzt hat, ärgert sich. Es kommt zum Streit. Eine alltägliche Unhöflichkeit? Für den Mann hat sie verheerende Folgen. Er heißt Benno Strauß, ist Jude – und Deutschland eine nationalsozialistische Diktatur.

Dr. Peter Mirau erzählt davon in der Seniorenbegegnungsstätte des Evangelischen Dekanats Würzburg im Albert-Schweitzer-Haus. Er ist Lehrer am Würzburger Röntgen-
Gymnasium und hat Fotografien, Briefe und Akten mitgebracht. Sie erzählen von zwei Männern, die einst die Oberrealschule, die Vorgängerschule des heutigen Gymnasiums, besuchten. Aufmerksam folgt der Seniorenkreis den Lebensgeschichten, fragt nach und diskutiert mit.

Macht der Denunziation

Benno Strauß, 1876 geboren, war Kaufmann und hatte im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat gekämpft. Dabei war er verwundet worden. Einst besaß er eine Villa im Frauenland, später verlor er sein Vermögen. 1938 wohnte er in der Johannitergasse und kassierte Beiträge für die jüdische Kultusgemeinde. Bei einem solchen Besuch kam es zum Streit im Treppenhaus. Der Ehemann der Frau, ein NS-Funktionär, zeigte Strauß an und verlangte, gegen die „Unverschämtheit des Juden“ einzuschreiten. Über das Ergebnis wollte er ausdrücklich informiert werden.

Mirau zeigt den Schutzhaftbefehl. Darin wird Strauß ein „anmaßendes und freches Wesen“ vorgeworfen. Ein Mann spuckt auf eine Treppe – und gefährdet angeblich die Sicherheit des Staates. Die Denunziation setzt den Verfolgungsapparat in Gang. Strauß wird verhaftet. In einem Brief bittet er um Freilassung: Seine Familie brauche seinen Verdienst. Er entschuldigt sich und versucht, den Vorfall zu erklären. Besonders bedrückend ist, wie ein Mann, der einst als deutscher Soldat für sein Land gekämpft hatte, nun um seine Freiheit bitten muss, weil er Jude ist. Vergeblich.

Während seiner Haft ereignen sich die Novemberpogrome vom 9. auf den 10. November 1938. Synagogen brennen, jüdische Geschäfte werden zerstört, Menschen misshandelt, ermordet und verschleppt. Strauß versucht später, nach Palästina oder Bolivien auszuwandern. Ohne Erfolg. 1942 wird er ins Warschauer Ghetto deportiert. Von dort erreicht seine Familie noch eine letzte Nachricht. Was aus ihm wurde, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Sicher ist: Der Mann, der einst in Würzburg ein angesehenes Leben führte, kehrte nie zurück.

Sein Sohn Herbert kann 1943 mit seiner späteren Frau Lotte in die Schweiz fliehen und wird später in den USA Historiker. Als 2010 in der Johannitergasse ein Stolperstein für Benno Strauß verlegt wird, schreibt Lotte aus New York einen Brief zur Gedenkfeier. Der ermordete Würzburger ist nicht mehr bloß ein Name in einer Akte. Er hat eine Familie und eine Geschichte, die weiterwirkt.

Ein Satz, ein Todesurteil

Die zweite Geschichte beginnt mit einem Abiturfoto von 1939. 23 junge Männer und drei junge Frauen blicken in die Kamera. Zwei Schüler haben sich freundschaftlich untergehakt. Wenige Monate später beginnt der Zweite Weltkrieg. Zehn der jungen Männer sterben im Krieg. Einer wird von den Nationalsozialisten erschossen: Fritz Reinlein. 1920 geboren, wächst Reinlein in Grombühl auf. Sein Vater ist Werkzeugmeister und SPD-Mitglied. Fritz ist Ministrant und Mitglied einer katholischen Schülergemeinschaft. Schon als Jugendlicher wird er angezeigt, weil er bei der Beerdigung eines Mitschülers als Sargträger das Abzeichen seiner katholischen Gemeinschaft trägt. Die Gestapo verhört ihn, lässt ihn aber zunächst gehen.

Nach dem Abitur wird Reinlein Soldat. Als die Alliierten 1944 in der Normandie landen, soll er geäußert haben, der Krieg sei bald verloren. Ein Satz, den damals vermutlich viele dachten. Für Reinlein wird er zum Verhängnis. Er wird denunziert und wegen sogenannter Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Am 10. Februar 1945 wird er bei Ingolstadt erschossen. Er ist 25 Jahre alt. Sein Schicksal zeigt, wie gnadenlos das Regime selbst in seinen letzten Monaten gegen Menschen vorging,
die seine Durchhalteparolen infrage stellten.

Schülerinnen und Schüler des Röntgen-Gymnasiums erforschen sein Leben. Sie untersuchen alte Klassenbilder und Schulunterlagen. Dabei entdecken sie einen Hinweis auf eine Magnolie, die schon zu Reinleins Schulzeit vor der Schule gestanden haben könnte. Heute blüht dort ein prächtiger Magnolienbaum. Vielleicht hat Fritz ihn ebenfalls gesehen.

Besonders berührend sind Briefe aus der Nachkriegszeit. Reinleins Eltern haben ihren einzigen Sohn verloren. Sie möchten seinen Leichnam nach Würzburg überführen lassen, um an seinem Grab trauern zu können. Ein Geistlicher, der Fritz vor seiner Hinrichtung begleitet hat, schreibt ihnen, ihr Sohn sei gefasst und mutig in den Tod gegangen. Ob es tatsächlich so war, lässt sich nicht mehr feststellen. Doch hinter den Akten wird die Verzweiflung einer Familie sichtbar, die wenigstens einen Ort für ihre Trauer sucht.

Im April 2026 wird auch für Fritz Reinlein ein Stolperstein verlegt. Schülerinnen und Schüler gestalten das Gedenken mit.

Was Erinnerung bewirkt

„Was macht die Beschäftigung mit solchen Schicksalen mit den Jugendlichen?“, fragt jemand aus dem Seniorenkreis. Mirau antwortet: Manche seien tief bewegt, andere weniger. Es gehe nicht darum, Betroffenheit zu erzwingen. Wichtiger sei, zu verstehen, wie Ausgrenzung und Denunziation funktionieren – und weshalb Menschenwürde und Demokratie geschützt werden müssen. 

Im Albert-Schweitzer-Haus begegnen sich so zwei Generationen im Erinnern: Menschen mit vielen Jahrzehnten Lebenserfahrung und Jugendliche, für die die NS-Zeit weit zurückliegt. Ihre gemeinsame Frage bleibt aktuell: Wann widersprech­-
en wir, wenn anderen Unrecht geschieht?

In Würzburg erinnern Stolpersteine an Menschen wie Benno Strauß und Fritz Reinlein. Man kann darüber hinweggehen. Oder stehen bleiben und einen Namen lesen. Vielleicht beginnt Erinnerung genau dort: wenn aus einem Namen wieder ein Mensch wird. Und seine Geschichte uns etwas angeht.