Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Chefredakteurin Susanne Borée
Wer über jüdische Identität spricht, landet zu schnell bei Israel. Aus einer persönlichen Geschichte wird eine politische Frage, aus einem Bekenntnis eine Debatte. Genau diese Verkürzung zu vermeiden, erscheint mir auch als eine wichtige Aufgabe des Sonntagsblattes: Die Redaktion sitzt in Rothenburg – und dort leben seit 1938 keine jüdischen Menschen mehr. Die Einwohner vertrieben ihre jüdischen Mitbürger bereits zweieinhalb Wochen vor der Reichspogromnacht. Die Jüdische Kulturwoche Le Chajim erinnert daran. Zugleich öffnet sie den Blick für jüdisches Leben und jüdische Kultur. Eine Lesung mit Gedichten von Hilde Domin gehörte dazu, ebenso der Film „Tel Aviv-Beirut“.
Ein besonderer Höhepunkt war die Gelegenheit, einem Menschen zuzuhören: der Frauenärztin Anna Abitbol, die an der Tauber arbeitet und aus Schwäbisch Hall pendelt. Rund 50 Interessierte waren zu der Podiumsdiskussion mit ihr gekommen. Vor fast 40 Jahren konvertierte Abitbol vom evangelischen zum jüdischen Glauben, als sie mit ihrem israelischen Mann eine Familie gründete.
Ihre Kinder hätten durchaus Anfeindungen erlebt, so Abitbol: Als die Tochter im Bus beleidigt wurde, suchte ein Polizist das Gespräch mit den Tätern. Einer der Söhne wehrte sich mit den Fäusten, der andere ignorierte die Angriffe, bis sie aufhörten. Abitbol macht aus ihrer Identität kein Geheimnis, spreche aber nicht ungefragt darüber. In ihrer Praxis habe bisher nur eine muslimische Patientin darauf reserviert reagiert. Doch komme sie weiter in die Praxis – zumal es vor Ort wenig andere Möglichkeiten gibt.
Die Ärztin würde heute nicht mehr mit ihrem Mann in Berlin Hebräisch auf der Straße sprechen – zu stark das Gefühl der Bedrohung. Beide führen so oft wie möglich nach Israel, obwohl Anna Abitbol selbst diese Staatsbürgerschaft nicht beantragt habe. Gerade die Kinder fühlen sich dort verbunden.
Was bedeutet es, wenn Menschen abwägen müssen, wie viel sie von sich zeigen? Diese Fragen gehen uns an. Sie lassen sich nicht nach Nahost auslagern. Auch in Rothenburg führten Publikumsfragen immer wieder zum Nahostkonflikt. Abitbol bezog dazu eine deutliche politische Position. Ihre politischen Ansichten muss niemand teilen, um ihre Erfahrungen ernst zu nehmen.
Zuhören verlangt keine Zustimmung. Gegen alle Verkürzungen und gerade im Gedenken an den 9. November ist es wichtig, Menschen Raum für ihre Geschichte zu geben.




























