Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Chefredakteurin Susanne Borée
Manchmal genügt eine Minute, um die Zeit aus den Augen zu verlieren. So ging es mir kürzlich bei einer Arte-Dokumentation zum 250. Jubiläum der „Geburtsstunde der USA“: Lange – so mein Gefühl – schaute ich in einer historischen Dokumentation einem Sonnenaufgang zu, begleitet von ergreifenden Zitaten. Später in der Mediathek stellte ich überrascht fest: Die Szene dauerte gerade einmal etwas mehr als eine Minute.
Insgesamt finden sich dort mehr als elf Stunden über den Unabhängigkeitskrieg der USA – mitsamt Vorgeschichte und Nachwirkungen. Unzählige Details, Debatten und Schlachtverläufe – detaillierte Zitate. Das Ganze unterlegt von historischen Bildern oder Naturaufnahmen.
Einen Raum für neue, manchmal überraschende Perspektiven und zum genaueren Hinsehen zu schaffen: Darin liegt für mich der Reiz vieler Produktionen von Arte. Der Sender nimmt sich Zeit – für Themen und für Zusammenhänge, die anderswo oft zu kurz kommen. Besonders schätze ich den konsequent europäischen Blick in den Nachrichten oder Reportagen wie „Re:“ über den Alltag oder das Engagement von Menschen überall in Europa.
Beeindruckend vielfältig und im fall der USA-Doku wirklich gründlich – ganz ohne Frage. Mehr noch: gerade meditativ und entschleunigend. Aber bei gut elf Stunden auch einschläfernd.
Bereits nach einer knappen halben Stunde des ersten Teils nickte ich ein. Als ich wieder aufwachte, hatte ich nicht einmal das Gefühl, den entscheidenden Gedanken verpasst zu haben.
Ähnlich geht es mir da teils bei historischen oder archäologischen Dokus. Die Kamera begleitet Grabungsteams lange bei jedem Handgriff, während sich die wirklich neue Erkenntnis oft in wenigen Sätzen zusammenfassen ließe. Braucht es 90 Minuten bei einer solchen Doku? Entschleunigung allein macht eine Geschichte noch nicht tiefgründig. Vielleicht bräuchte derselbe Inhalt manchmal nur die Hälfte der Zeit?
Vielleicht ist das eine Frage des Formats. Manches gewinnt gerade durch die Entschleunigung. Andere lassen sich vielleicht durch andere Medien besser erschließen: in guten Büchern mit einer brauchbaren Gliederung, Querverweisen und der Freiheit, das eigene Tempo zu wählen. Oder als Online-Überblick.
Oder ist es am Ende meine Berufskrankheit? Wer Texte ständig kürzt, wünscht sich offenbar manchmal sogar für den Fernsehbildschirm einen Rotstift.




























