
Editorial im Evangelischen Sonntagsblatt aus Bayern von Raimund Kirch
„Geh‘ aus mein Herz und suche Freud…“: In dieser Sommerzeit fällt mir das komischerweise nicht schwer. Trotz brennender Wälder, trotz sinnloser Kriege, trotz immer bedrohlichere Terrorgefahren und trotz der Klagen von Pfarrerinnen und Pfarrer, wie man sie kürzlich dem Sonntagsblatt entnehmen konnte. Regionalbischöfin Berthild Sachs musste, so war zu lesen, den frustrierten Seelsorgern Mut machen, aus ihrer Sinnkrise herauszukommen, in die sie offenbar durch den veränderten Zeitgeist geraten sind. Stimmt ja auch: Das Theologiestudium zieht nicht mehr, keine Trendwende bei den Austritten in Sicht und überhaupt: kein Hoffnungszeichen am Firmament… .
Ich habe jüngst jedoch eine ganz andere Erfahrung machen dürfen: Beim Weltrekordversuch der bayerischen evangelischen Posaunenchöre in Nürnberg. „Typisch Eventkultur“ höre ich da die Skeptiker mosern. Ich selbst, ein berufsmäßiger Skeptiker, war nach zwei Stunden in der Nürnberger Jakobskirche hin und weg.
Mit diesem drei Tage langen Mammut-Posaunenkonzert haben rund 1.800 Bläserinnen und Bläser von Donnerstagmorgen bis zum Sonntagmorgen tatsächlich einen Weltrekord aufgestellt. Organisator Thomas Engelbrecht vom Verband evangelischer Posaunenchöre (vep) war happy – obwohl er die ganze Zet über nur 7,5 Stunden geschlafen hat. Es war ja nicht nur für ihn ein klingendes Erlebnis. Drei Bläsergruppen fanden je für 90 Minuten im Chorraum Platz. Im steten Wechsel spielten sie dann ohne Unterbrechung durch.
Ich durfte die hervorragenden 15 CVJM-er aus Nürnberg Gostenhof hören und die nicht minder gut aufspielenden acht Gibitzhofener aus St. Markus und mit zehn Leuten den Posaunenchor aus Ottensoos-Rüblanden. Dann maßen sich nur sechs Blechbläserinnen und -bläser aus Mitwitz mit einer Klangstärke von 26 Leuten der Kirchengemeinde St. Georg aus Nördlingen und 20 versierten Musikern vom Posaunenchor Affalterthal.
Ein Ohren- und Augenschmaus, denn hier zeigte sich ein Bild von Kirche, das die Stimmung der eingangs erwähnten Pfarrerinnen und Pfarrer konterkarierte. Jugendliche und gestandene Personen, generationsübergreifend, mit spürbarer Lust auf Musik und Kirche. Da konnte ich nur sagen „Geh‘ aus mein Herz und Suche Freud“ – ein Hit übrigens, der wohl mehr als hundert Mal in diesen drei Tagen erklang.

























