Die Reise geht weiter

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Markus Roth. Foto: privat
Markus Roth. Foto: privat

Lebenslinien: Beurlaubter Pfarrer Roth geht neue Wege der Spiritualität, Seelsorge und Stille

Markus Roth ist viel unterwegs. Nach außen und nach innen, wie er selbst sagt. Er reist mit Menschen nach Israel, Griechenland oder Ecuador, auf Schiffen und an den Altmühlsee. Er reist aber auch mit Menschen in die Stille, in Seminaren, beim Coaching, in der Seelsorge oder beim Handauflegen. „Nun mache ich jetzt genau das, für das ich Pfarrer geworden bin“, meint er.

Es ist ist ein ungewöhnlicher Aufbruch. Nach 22 Jahren als Gemeindepfarrer in Segringen hat Dr. Markus Roth im September 2025 sein Pfarramt verlassen. Nicht, weil er mit Kirche und Glauben abgeschlossen hätte. Im Gegenteil: Was ihn heute beschäftigt, kreist um Begegnung, Spiritualität und die Frage, wie Menschen ihren eigenen Weg zu Gott finden können. Nur die vertraute Form hat sich verändert. Denn bis 2028 ist Roth vom Pfarrdienst in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern beurlaubt. Auch die neue Freiheit verlangt Planung.

Begonnen hat seine Leidenschaft für das Reisen vor mehr als 25 Jahren. Nach dem Theologiestudium war Roth aus Israel zurückgekehrt. Sein Mentor im Vikariat fragte ihn, ob sie gemeinsam nach Israel und Palästina reisen wollten. Im Mai 2000 ging es los. Zwölf weitere Reisen folgten. Später kamen Griechenland und Irland hinzu, Reisen auf den Spuren des Apostels Paulus, aber auch Südafrika, Ecuador, die Azoren, Myanmar und Chemnitz. Immer mehr Menschen reisten mit.

Die Fahrten sind allerdings nie Pauschalreisen. Roth spricht von „Begegnung, Stille und Segen“. Morgens gibt es Gebet und einen Segen, dazwischen stille Zeiten. Die Reisenden sollen Menschen vor Ort kennenlernen, ihre Lebenswelt verstehen und sich zugleich selbst auf die Suche machen. Aus Fremden entsteht nicht selten eine Gemeinschaft, aus der Freundschaften bleiben.

Das klingt leicht und fast schwerelos. Im Gespräch wird jedoch deutlich: Hinter der spirituellen Reise steckt viel nüchterne Arbeit. Gerade kleine Gruppen zusammenzuhalten sei anspruchsvoll, meint er. Reisen müssen langfristig geplant werden. Belege wollen abgerechnet, Abläufe organisiert, unterschiedliche Erwartungen berücksichtigt werden.

Genauso gehört die Begegnung mit sozialen Projekten dazu, etwa der Kontakt zu einem Patenkind in Ecuador. Und abends wird gemeinsam reflektiert: Was wollten die Menschen, denen die Gruppe begegnet ist, von den Reisenden? Roth weiß zugleich um die Grenze dieser Begegnungen: Zwischen Reisenden und Einheimischen kann es eine Art „Aquarium“ bleiben – selbst wenn beide Seiten zusammen begeisternde Gottesdienste feiern. Das Bewusstsein für diese Distanz gehört für ihn zur Achtsamkeit des Reisens.

„Achtsamkeit“ ist überhaupt ein Schlüsselwort in Roths Arbeit. Die Wüste, in die er Menschen mitnimmt, ist nicht nur ein geografischer Ort. Leere und Unterwegssein, innen und außen „erden“ ihn, sagt er. Was er da erfährt, möchte er weitergeben.

Unterwegs in die Stille

Darin liegt auch die Verbindung zu einem zweiten Schwerpunkt seiner Arbeit: der Stille. Roth hat sich intensiv mit Kontemplation beschäftigt. Der Anstoß dazu kam in Segringen. Eine Mitarbeiterin erzählte ihm von einem Wochenende im Schweigen. Roth begann, sich mit dem Stillegebet auseinanderzusetzen. 

Weniger Worte, weniger Ablenkung, ein ruhiger werdender Geist – und die Erfahrung, dass hinter der Stille ein Raum entstehen kann, der größer ist als das eigene Denken. „Der Augenblick ist unfassbar tief und weit“, meint Markus Roth zusammenfassend.

Stille ist für ihn kein Wellnessprogramm. Schon in Segringen baute er deshalb über Jahre Momente des Schweigens in Gottesdienste ein. Solche Unterbrechungen schaffen Raum für etwas, das sich nicht vollständig in Worte fassen lässt.

Auch zum Handauflegen kam Roth über eine persönliche Erfahrung. „Weil meine Hände während einer Übung ungewöhnlich warm wurden“, begann er, diese Form der Segenshandlung auszuprobieren – ohne Magie und ohne Heilungsversprechen. Wer es möchte, wird in Stille und Achtsamkeit berührt. Manche Menschen erleben das als wohltuend oder heilsam.

Heilung bedeutet für Roth dabei nicht zwangsläufig, dass eine Krankheit verschwindet. Manchmal kann ein heilsamer Schritt auch bedeuten, etwas loszulassen. Er will nicht vorgeben zu wissen, was am Ende einer spirituellen Erfahrung steht. Er möchte einen Raum öffnen, in dem etwas geschehen kann.

Damit verbindet sich eine weitere Leitidee: „Der Glaube darf erwachsen werden.“ Erwachsene müssten sich einen Gott vorstellen dürfen, der größer und weiter ist als das Gottesbild ihrer Kindheit. Roth will niemandem vorschreiben, was er zu glauben hat. Vielmehr interessiert ihn, welche Erfahrungen Menschen mitbringen und wie diese im Glauben einen Platz finden können.

Den Gottesdienst selbst hat Roth keineswegs hinter sich gelassen. Jeden Sonntag verschickt er einen Audio-Gottesdienst über einen Nachrichtendienst. Außerdem arbeitet er als Bordseelsorger. An Weihnachten wird er wieder auf einem Schiff unterwegs sein. 

Dreimal im Jahr gestaltet er auf der MS Altmühlsee eine besinnliche Sonnenuntergangsfahrt. Musik und Lieder wechseln sich mit Gedanken und Momenten der Stille ab.

An die Stelle des Pfarramts mit seiner Verwaltung sind eigene Mitarbeitende, Termine, Reiseplanung und finanzielle Verantwortung getreten. Roth hat weniger klassische Büroarbeit – dafür muss er sich selbst um vieles kümmern. Die Freiheit hat ihren Preis.

Was ihm dabei besonders wichtig ist: Er möchte Menschen nicht als Kunden kirchlicher Angebote verstehen. Dass Pfarrer in Ortsgemeinden zunehmend als Dienstleister wahrgenommen würden, bereitet ihm Sorgen. Manchmal entstehe der Eindruck, sie seien vor allem eine Art „Eventmanager“ für möglichst prachtvolle Taufen und Trauungen.

Roths Gegenentwurf ist ein anderer. Pfarrer sollten Menschen lehren zu beten, ihnen zusprechen, wie wertvoll ihr Leben und jeder einzelne Augenblick ist, und sie auf Wegen begleiten, auf denen sie Gott selbst entdecken können.

Vielleicht ist das die eigentliche Reise, die Markus Roth heute anbietet. Sie führt nicht zu einem bestimmten Ziel und schon gar nicht zu fertigen Antworten. Sie führt durch Begegnungen und Landschaften, durch Stille und Zweifel, durch gemeinsames Singen und Schweigen.

Roth hat die Gemeinde verlassen, aber nicht die Menschen. Er hat das Pfarramt abgelegt, aber nicht die Aufgabe, Glauben ins Gespräch zu bringen. Und er reist weiter – nach außen und nach innen.

Mehr über Markus Roth und seine „Reisen nach innen und außen“: https://www.auf-dem-weg.info