
Wie weiter mit den Kirchengebäuden? Steinreich und bitterarm
Andreas Gold schweigt sich aus. Was er sich denkt, kann man sich denken. Unter der Regie des Erfurter Dombaumeisters wurde die uralte und im Lauf der Jahrhunderte vielfach umgebaute Schottenkirche St. Nikolai und Jakobi saniert und in ihren früheren romanischen Zustand zurückversetzt. Wie im 11. und 12. Jahrhundert üblich, führen jetzt wieder Stufen hinab ins Kirchenschiff. Markante Säulen dort, spärliches Licht, ausgewählte Kunstwerke an den Wänden. Hier weht ein Geist spiritueller Geborgenheit. Aber wie lange noch?
Sollte nämlich der Wunsch der katholischen Gesamtkirchengemeinde Erfurts und ihres Pendants auf evangelischer Seite in Erfüllung gehen, könnte die ehrwürdige Nikolai- und Jacobikirche in eine Jugendkirche umgewandelt werden. Die Verantwortlichen träumen schon davon, einen Boden einzuziehen mit Begegnungscafé am Westportal und einem geistigen Feierkern im Chor. Noch sind die Pläne nicht ausgereift. Die Stadtverwaltung hat aber schon Interesse bekundet, platzt doch gleich nebenan die städtische Volkshochschule mit dem Jugendtheater „Die Schotte“ aus allen Nähten. Doch Andreas Gold, so lässt sich vermuten, blutet dabei das Herz.
Deutschlandweit gibt es zurzeit etwa 44.000 evangelische und katholische Kirchen, die kleinen Kapellen und Gebetsstätten gar nicht mitgerechnet. Angesichts der sinkenden Zahl von Kirchenmitgliedern können nicht alle Gottesdiensträume erhalten bleiben. Das ist den Verantwortlichen klar. Wie es in Zukunft weitergehen wird, zeigt sich am Beispiel Erfurts.
Dort fand jüngst eine ökumenische Tagung mit dem Titel „Laufsteg statt Liturgie?“ Untertitel: „Perspektiven zur Umnutzung von Kirchen“ statt. Und der Ort hätte nicht besser gewählt sein können. Zwar ist Thüringens Landeshauptstadt mehrheitlich evangelisch, doch der das Stadtbild prägende Dom mit der benachbarten Severi-Kirche gehören den Katholiken.
Einst gab es sieben katholische Erfurter Pfarrsprengel, die inzwischen zu einer Gemeinde verschmolzen wurden; von den sieben Innenstadtkirchen dieser ursprünglichen Gemeinde sollen, nein müssen, vier aufgegeben, das heißt entweiht, entwidmet, profaniert werden. Neben der erwähnten Schottenkirche also auch St. Crucis, St. Martini und St. Georg. Weiter genützt werden künftig St. Severi, St. Lorenz und St. Wigbert – letztere gleich neben der Staatskanzlei gelegen.
Dass dies für Gemeindeglieder, die in den jeweiligen Kirchen getauft wurden, ihre Erstkommunion erlebten und vielleicht dort auch geheiratet haben, schmerzhaft ist, sieht auch die Kirchenleitung ein. Sie versucht, den Prozess so sanft wie möglich zu steuern. Wobei es um die Fragen wie private Nutzung, etwa für Wohnungen und Büros oder Umnutzung etwa zu Kitas oder Versammlungsräumen, zu Museen oder Konzerthallen geht. Ein Abriss denkmalgeschützter Substanz kommt hier nicht in Betracht.
Landgemeinden haben es da mitunter leichter. Oft sind in bevölkerungsarmen Gegenden schon Kirchen durch Kirchenbauvereine gerettet worden, deren Initiatoren und Mitglieder oft gar nichts mehr mit Glauben und Kirche am Hut haben; aber wollen, dass Kirchen weiter ihren Platz in der Mitte der Ortschaften haben. Sind sie doch oft noch die einzigen Kommunikationsorte, nachdem Poststellen, Läden, Landarztpraxen aufgegeben wurden. So sind etwa am Rennsteig in Thüringen mit Erfolg betriebene Herbergskirchen für Wanderer entstanden.
Es gibt Bienenkirchen, Märchenkirchen, Kulturkirchen.
Und trotzdem werden nicht alle Kirchengebäude zu halten sein. Sorge bereitet in diesem Zusammenhang den Verantwortlichen die Flut von religiösen Kunstwerken und Inventargegenständen, die bei der Aufgabe anfallen werden. Was tun mit den Messkelchen, den so genannten „Vasa Sacra“? Wohin mit den historisch wertvollen Orgeln und Glocken, Altären und Taufsteinen? Schon jetzt würden die Lagerstätten überquellen, hieß es bei der Tagung in Erfurt.
Ein Problem, das man in der Nordthüringischen Stadt Mühlhausen anscheinend nicht mehr hat. Dorthin führte eine Exkursion, weil die Thomas-Münzer-Stadt schon zu DDR-Zeiten einen Großteil der Kirchen in Kulturräume und Museen, zum Beispiel einer Bauernkriegsgedenkstätte, umgewandelt hatte.
Nach der Wende dann bekamen die Einwohner Mühlhausens in der barockisierten Kiliani-Kirche ein Theater und in der Jakobikirche eine funkelnagelneue, bestens ausgestattete Stadtbibliothek auf drei Stockwerken eingerichtet. Die gotische Außenhaut ist geblieben. Drinnen ist alles technisch funktionell und gediegen gestaltet.
Mühlhausen, das lässt sich sagen, ist städtebaulich mit seinen glasschliffbehandelten Travertin-Kirchen eine Wendegewinnerin, Denn heute, so der frühere Chef des Hochbauamtes, könnte man sich das alles nicht mehr leisten. Sagt’s, und grinst bedeutungsvoll. Und so haben sich inzwischen die Zeiten geändert: „Wir sind steinreich“, hatte die für die Evangelischen Kirchen Mitteldeutschlands zuständige Baureferentin Elke Bergt zu Beginn der Tagung gesagt. Und gleichzeitig viel zu klamm, um das Erbe in Gänze zu bewahren. Doch diesen Schluss überließ sie dem Plenum. Deutlich wurde, dass der Stein der Weisen noch nicht gefunden wurde; dass Phantasie, Geduld und Nachsicht, vor allem aber Kommunikationsbereitschaft und Fingerspitzengefühl gefragt sind für einen Transformationsprozess, dessen Ende nicht abzusehen ist.

























